Mittwoch, April 26, 2006

German Angst

Von Claudio Casula

„Ich habe Angst!“. Das ist das deutsche Mantra. Der Deutsche ängstigt sich gern, und er steht dazu. Mir fällt da der schöne Witz ein, in dem jemand einen sehr bedrückt dreinschauenden Freund trifft und fragt, was denn los sei. Es stellt sich heraus, dass der Freund in die Hosen macht. Der Mann rät ihm, mal zum Therapeuten zu gehen. Wochen später treffen sich die beiden wieder, und nun ist der Freund bestens gelaunt. „Und?“, fragt der eine, „machst du jetzt nicht mehr in die Hosen?“ Strahlt der andere: „Doch, schon. Aber jetzt bin ich stolz darauf!“

So ist das, wenn man von einem Extrem ins andere fällt: Unsere Großväter haben noch eine Blutspur von Norwegens Fjorden bis Nordafrika und von Spanien bis Sibirien gezogen. Heute besteht das vermeintliche Herrenvolk praktisch nur noch aus Waschlappen, die sich vor allem und jedem fürchten. Oder sagen wir: vor fast allem.

Aus der Psychosomatik sind seltsame Ängste bekannt: vor Wind, Blumen und Geld, vor Schnee, vor Bärten und sogar davor, von einem herabstürzenden Satelliten erschlagen zu werden. Manche Leute haben Angst davor, eine Brücke zu überqueren oder über einen blauen Teppich zu laufen. Nun gut, solche Phobien sind individueller Natur und haben nicht selten einen tragischen Hintergrund; wir wollen uns nicht darüber lustig machen. Viel interessanter ist die kollektive Lustangst. Sie macht vor wenig Halt, wenn die Berufsalarmisten in Komplizenschaft mit den Medien jeden Sommer eine neue Sau durchs Dorf treiben. Spontan fällt einem da das Ozonloch ein, BSE, die Nachrüstung, der saure Regen und „le waldsterben“, Aids, Glykol im Wein, Amalgam, Gammelfleisch, Feinstaub. Und, klar, Tschernobyl. Damals soll sich manch einer einen Maronenröhrling ans Ohr gehalten haben, in der vergeblichen Hoffnung, Radio Moskau hören zu können.

Auch der Krieg macht dem Deutschen Angst, was nach zwei verlorenen Welteroberungszügen durchaus verständlich ist. Allerdings fürchtet sich der Reichsangsthase nur vor dem Krieg, wenn der Große oder der Kleine Satan ihn führen, und sei der Schauplatz auch 5000 Kilometer weit entfernt. So sieht er auch keinen Widerspruch darin, während der Golfkrise „Krieg ist nicht die Lösung!“ zu barmen, gleichzeitig aber für eine völlig sinnlose „Intifada“ mildes Verständnis aufzubringen. Irritierend auch, dass reale Konflikte wie der langjährige Balkankrieg, der doch deutlich näher tobte, nicht einen Bruchteil der Empörung auszulösen vermochte, welche die verhassten „Neocons“ jenseits des großen Teichs mit voller Wucht traf.

In diesem Land verhält es sich nämlich so: Je weiter entfernt der Krieg ist, desto mehr fürchtet man sich vor ihm. Und je realer die Gefahr ist, desto weniger nimmt man sie wahr. Wenn es etwa um Iran geht oder um den islamistischen Terrorismus, der längst europäischen Boden erreicht hat, wird diese Bedrohung von der Firma Mahner & Warner einfach ignoriert. Lieber als vor einem wahnsinnigen Diktator in Nordkorea oder religiösen Fanatikern im Mittleren Osten fürchtet man sich vor dem Bündnispartner USA. Da halluziniert man Meinungsunterdrückung, wo Typen wie Michael Moore mit dem Oscar geehrt werden und sieht dubiose erzkonservative Christen an der Zerstörung des Weltfriedens werkeln, während vor aller Augen der reale Terror in New York und Washington zuschlägt, in Casablanca und auf Djerba, in Luxor und Sharm el-Sheik, in Madrid und London, in Tel Aviv, Istanbul und Beirut, in Amman und Bagdad und auf Bali. Da kann Osama bin Laden noch so laut vom Djihad trompeten – das deutsche Panikorchester, das sonst nicht laut genug spielen kann, macht Pause. Mögen die Uhren sonst ständig auf "5 vor 12" stehen, was Ahmadinedschad und seine Vernichtungsphantasien betrifft, bringt man erstaunlich viel Geduld auf und rät mit Nachdruck zu "Verhandlungen" bis zum St. Nimmerleinstag.

Warum bleibt der allgemeine Angstschweiß, den man sonst förmlich riechen kann, ausgerechnet dann aus, wenn die Einschläge näher rücken? Ein Phänomen, das möglicherweise die alten Landser erklären könnten, die sich sonst für Prof. Guido Knopps zeithistorische 45-Minuten-Terrinen vor schwarzem Hintergrund über ihre Erlebnisse „im Kriech“ auslassen. Vielleicht sollten wir sie fragen, bevor es zu spät ist.

1 Kommentar:

puster hat gesagt…

köstlich geschrieben und leider nur allzu wahr.

für die bewegründe ist mir neulich eine nette erklärung heran getragten worden:

die niederlage im wk2 haben sie nicht verwunden, der feind bleibt amerika und jetzt will man den krieg eben nachträglich gewinnen... .