Mittwoch, April 26, 2006

Ich bin (k)ein guter Mensch

Von Fega Maldas

Lieber Dr. U.Nowak,

leider bekomme ich meine privaten Probleme, trotz Ihrer Empfehlungen, weiterhin nicht in den Griff.

Sie erinnern sich sicher an die Sorgen, welche uns unser jüngster Sohn Dani (13 Jahre alt) bereitete. Er schlug und schlägt im Zorn unsere gesamte Einrichtung zusammen. Er lässt zwar bisweilen davon ab, wenn wir ihm, wie von Ihnen vorgeschlagen, Schokolade und Spielzeug schenken – und dafür sind wir Ihnen auch sehr dankbar – jedoch ist dies leider meist nicht von langer Dauer.

Es wird immer deutlicher, dass Ihre Analyse genauestens die Wurzel des Übels beschreibt. Diese Verhaltensauffälligkeit kann von nichts anderem stammen, als davon, dass ich ihn, als er 3 Monate alt war, von einer Pflegemutter betreuen ließ. Ich habe so ein schlechtes Gewissen.

Natürlich war dies eine durch nichts gutzumachende Demütigung für ihn und natürlich hatte er deshalb alles Recht der Welt, den Fernseher auf den Boden zu schmeißen. Wie konnte ich ihn dafür nur mit Hausarrest bestrafen? Sie taten schon gut daran, mich für diese Eskalation der Gewalt zu rüffeln. Wie konnte ich nur daran denken, dass diese widerwärtige Tat, ihn einen Monat lang von weiteren Zerstörungen abgehalten hätte. Ich bin vollkommen Ihrer Meinung, dass dies in der Zwischenzeit nur noch mehr Hass in ihm aufsteigen ließ und dieser sich dann, nach eben diesem Monat, in einem befreienden Sturm Luft verschaffen musste. Und ich Wahnsinnige habe ihn natürlich noch einmal eingesperrt, nachdem er beim Bäcker eine Schokolade mitgehen ließ. Mich hätte man einsperren müssen, bei Wasser und Brot. Ich hatte Schuld, ich habe die Gewaltspirale angefacht, ich habe ihn gedemütigt. Schande.

Zu unserem Glück traf ich dann auf Sie: Sie konnten mir die zuvor genannten Zusammenhänge erklären und auch, dass Machtmissbrauch und Demütigung zwangsläufig zu immer größerer Frustration beim Kind führen müssen und dass es mit dem Diebstahl etwas ausdrücken möchte, was es mit Worten nicht umschreiben kann.

Monate später, als Dani seine Schwester dumme Kuh schimpfte, schritt ich zur Tat. Erst erklärte ich ihm freundlich, dass ich ihn verstehe und genau so gehandelt hätte wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre. Ich versprach ihm, dass ich alles wieder gut machen würde und gab ihm eine Tafel Schokolade, mit der Bitte, keine solchen Worte mehr gegen seine Schwester zu verwenden. Dies tat er dann auch nicht; statt dessen aß er die Süßigkeit.

Als er am nächsten Tag stampfend nach einer neuen Tafel verlangte, gab ich ihm natürlich auch diese, nicht ohne mich dafür zu bedanken, dass er so ein braves Kind sei.

Zwar stampfte er fortan recht häufig und es ging auch einiges zu Bruch, in unserem Haus –Kinder halt-, jedoch fühlte ich mich sehr wohl mit meiner Erkenntnis und meinem guten Gewissen, wenigstens ab jetzt eine gute Mutter zu sein.

Leider machte ich die Rechnung ohne meinen Mann. Ohne erkennbaren Grund war er stinksauer auf das Verhalten von Dani und vor allem auf mich. Er drohte unserem Sohn sogar Prügel an! Natürlich stellte ich mich gegen eine derart gewaltige Machtdemonstration und auf die Seite meines Sohnes. „Frieden!“ rief ich. „Shalom! Peace! Pace! Was bist du nur für ein brutaler Mensch. Du zwingst unseren Dani mit deiner aggressiven Haltung dazu, Gewalt auszuüben. Wie soll er, bei solch einer Demütigung, noch einen Funken Ehre behalten?“

Mit der Drohung, mich notfalls scheiden zu lassen, konnte ich ihn widerwillig auf Linie bringen. Ich denke jedoch, dass er, obwohl er mir versprach meine Verhandlungen abzuwarten, eine noch größere Demütigung plant.

Immerhin lässt er mich vorerst gewähren und so kann ich meinen Sohn zu einem guten Menschen erziehen und vor allem mein Gewissen bereinigen.

Nun zu meiner Frage: Die Schuld, die ich mir aufgeladen hatte, scheint größer zu sein als erwartet – jedenfalls strömt Danis Wut immer stärker aus ihm heraus. Immer mehr Gegenstände müssen dran glauben und manchmal wird er sogar gewalttätig. Ich verstehe dies ja, jedoch weiß ich langsam nicht mehr, wie ich all seine Wünsche befriedigen soll; mein Mann möchte mir einfach nicht das Geld geben, um ihm seine gewünschte Rakete zu kaufen und mir fehlen dazu inzwischen die Mittel.

Wie kann ich meinen Mann denn noch davon überzeugen, seine Schuld einzusehen und Dani diesen Wunsch zu erfüllen? Ich habe schon der gesamten Verwandtschaft von den schlechten Taten meines Mannes erzählt und davon, dass er alleine an der Eskalation Schuld hat - natürlich nicht ohne zu erwähnen, dass ich ihn weiterhin liebe, aber Kritik muss erlaubt sein, gerade am geliebten Geschöpf.

Bitte geben Sie mir noch einen Rat, wie ich meinen Mann retten kann, damit endlich wieder Ruhe und Frieden einkehrt, in unserem kleinen Haus.

Viele liebe Grüße

Ihre

E.Uhl

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