Mittwoch, April 12, 2006

Medienschelte

Von Claudio Casula

Gut, dass Axel Springer das nicht mehr erleben musste: Als Unterzeile in der WELT von heute (12.4.2006) heißt es doch tatsächlich: "Tel Aviv setzt Angriffe auf Palästinenser fort", obwohl a) die Hauptstadt Israels immer noch Jerusalem heißt, ob einem das schmeckt oder nicht und b) nicht "die" Palästinenser angegriffen werden, sondern die Stellungen, von denen aus Israel täglich mit Raketen angegriffen wird, was übrigens im Artikel von Norbert Jessen, dessen Korrespondentenqualitäten beizeiten einer Erörterung bedürfen, durchaus eingeräumt wird: Seit Anfang des Jahres seien 500 Raketen in Israel eingeschlagen, 90 palästinensische Selbstmordattentäter in diesem Zeitrum auf dem Weg zum Anschlag gestellt worden. Was also soll die irreführende Schlagzeile? "Tel Aviv setzt Angriffe auf Palästinenser fort" – das hätte genau so auch im "Neuen Deutschland" stehen können. Und dafür hat man eine freie Presse?!

Den Vogel schoß neulich wieder mal die Süddeutsche Zeitung ab. Täglich ist das Blatt längst nicht mehr zu ertragen, aber selbst bei Stichproben wird die SZ immer wieder auffällig.
Am 10. Februar hieß es da:
"ÜBERFALL AM GRENZÜBERGANG EREZ – Israelische Soldaten töten drei Palästinenser / Ägyptischer Diplomat entführt"
Was soll man davon halten? Natürlich versteht es der gemeine Leser so: Israelische Soldaten überfallen Palästinenser, töten drei von ihnen und kidnappen einen Diplomaten. Tatsächlich ist es genau umgekehrt, denn im Bericht von Thorsten Schmitz heißt es wörtlich: "Am Donnerstag griffen zwei mit Sprengstoffgürteln ausgerüstete Palästinenser den Grenzübergang Erez im Norden des Gazastreifens an. Sie warfen nach Angaben der Armee Handgranaten auf israelische Soldaten und feuerten mit Maschinengewehren. Als die Soldaten das Feuer erwiderten, wurden die beiden Palästinenser getötet. Dabei explodierte auch mindestens einer der Sprengstoffgürtel. (…)
Zu dem Angriff bekannte sich das ,Volkswiderstandskomitee' und die ,Al-Aksa-Brigaden', die mit der Fatah-Organisation von Präsident Machmud Abbas in Verbindung stehen. Kurz danach versuchten zwei Palästinenser, eine Bombe am Zaun zwischen dem Gaza-Streifen und Israel anzubringen. Soldaten töteten einen der Männer. Wenig später wurde ein ägyptischer Diplomat im Gaza-Streifen entführt. (…)"

Wir halten fest: Alle drei Palästinenser kamen beim Versuch um, Soldaten zu töten bzw. eine Bombe zu legen. Der ägyptische Diplomat (Militär-Attaché Hussam al-Musli) wurde natürlich auch von palästinensischen Terroristen verschleppt. Dennoch suggeriert die SZ-Schlagzeile, dass israelische Soldaten die Übeltäter waren. Sie vertauscht auf dreistete Weise einmal mehr Täter- und Opferrolle.

Nun muss man wissen, dass die Überschriften nicht von den Korrespondenten selbst, sondern von den Redaktionen in Deutschland fabriziert werden. Und im Eifer, beim Leser möglichst was Bestimmtes hängenbleiben zu lassen, passiert es denn auch häufig, dass Schlagzeile und Inhalt des Artikels irgendwie so gar nicht zusammenpassen wollen. Wie peinlich! Und wie entlarvend.

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