Dienstag, Mai 02, 2006

Dummschwätzer des Tages

Von Claudio Casula

Kein Tag vergeht, ohne dass sich irgendjemand in aller Öffentlichkeit das Narrenkostüm überwirft. Heute lässt sich Hans-Christian Ströbele (66) vernehmen, der Pazifist, der Waffen für Nicaragua ganz in Ordnung fand und irakische Raketen auf Tel Aviv als "logische, fast zwingende Konsequenz" der israelischen Politik begrüßte, äh, interpretierte. Neuerdings will er verhindern, dass dem Iran die Möglichkeit genommen wird, den jüdischen Staat mit Atomwaffen auszuradieren.

Und welch genialer Gedanke treibt ihn zur Stunde um? Er fordert eine "türkische Version der Nationalhymne", damit türkischstämmige Mitbürger auch endlich die dritte Strophe singen können. Das müssen ja schöne Patrioten sein: Die Nationalhymne singen wollen, aber bitteschön in einer anderen Sprache. Gehts noch? Natürlich würde kein (Deutsch-)Türke auf eine derart groteske Idee verfallen. Sowas kann nur jemand ausbrüten, dessen Augenbrauen deutlich länger als die Gehirnwindungen sind. Jemand, der absolut keine Ahnung von denen hat, welchen was Gutes tun zu wollen er vorgibt. Aber gut ist das Gegenteil von gut gemeint. Sechs. Setzen.

Dann haben wir noch Daniel Barenboim (63). Das ist ein weltberühmter Dirigent, der dicke Freund mit Edward Said war, einem palästinensischen Vorzeigeintellektuellen, welcher wiederum zeitlebens für die Ein-Staaten-Lösung (also für die Abschaffung Israels) eintrat. Barenboim meint, dass man die von der Busbomberpartei gestellte Regierung der Palästinenser weiter alimentieren sollte: "Menschen können sich ändern, wenn sie an der Regierung sind". Sie können aber auch so bleiben, wie sie sind, was man gerade an der Hamas sieht, die eben ein Blutbad an Dutzenden Imbissbesuchern als tolle Sache gefeiert hat. Und sie werden sich ganz gewiss nicht ändern, wenn man sie trotz ihres feuchten Traums von der Vernichtung Israels noch unterstützt. Aber: Das Ergebnis der "demokratischen Wahlen", so Barenboim, müsse man akzeptieren. Nun ist Barenboim ja häufiger in den Gebieten, und man sollte annehmen, dass die völlige Abwesenheit eines demokratischen Diskurses, der abstoßende Gewaltkult, die brutale Verfolgung von "Verrätern" (also all jener, die Terror für kontraproduktiv halten) und die nackte Anarchie im Gazastreifen selbst einem Schöngeist wie ihm aufgefallen wären. Aber sei's drum. Hier geht es um die Frage, warum Europa eine Terrorgruppe, die der Dirigent selbst für "eine Tragödie" hält, an der Macht halten sollte. Barenboims gewagte These: "Wenn es kein Geld gibt, stellen sich die Menschen noch mehr hinter die Hamas". Wirklich? Gut, den Palästinensern ist vieles zuzutrauen, aber warum sollten sie sich ausgerechnet hinter jene stellen, die ihnen diese trübe Suppe eingebrockt haben? Oder, anders herum gefragt: Warum sollten sie, wenn die EU fröhlich weiter zahlt, einen Grund haben, sich von der Hamas abzuwenden?

Es hat lange genug gedauert, bis bei den Europäern der Groschen gefallen ist und sie endlich begriffen, dass es der falsche Weg ist, den unsäglichen Terror der Islamofaschisten zu belohnen. Statt diese Binsenweisheit mal beizeiten seinen palästinensischen Freunden zu flüstern, bestärkt er sie in ihrer fatalen Einstellung des Alles oder Nichts. Warum nur? Weil er als israelkritischer Jude in Europa Punkte machen will? Sehr traurig. Als Dirigent mag der Herr ja ein Meister seines Fachs sein, aber als politischer Kommentator gerät er regelmäßig aus dem Takt.

Ach so, noch etwas: In Israel haben kürzlich wirklich demokratische Wahlen stattgefunden. Die Mehrheit hat sich aus guten Gründen dafür entschieden, die Politik der (mangels Partner) einseitigen Abkopplung von den Palästinensern fortzuführen. Tja. Muss man akzeptieren, Herr Barenboim.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

"Menschen können sich ändern, wenn sie an der Regierung sind".

Das glaubte Hermann L. Gremliza auch. Selten so gelacht!

Gudrun
http://www.eussner.net

Anonym hat gesagt…

Hallo, Claudio

hier mein Kommentar zum Kommentar: hervorragend in Stil und Inhalt. Glückwunsch! Ich würde diese bissige, erfrischende Schreibe gern sehen - in WELT, WELT AM SONNTAG oder FAZ SONNTAGSZEITUNG. Also: Kopf hoch und weiter so!

Marlis, z. Zt. Baltimore, MD / USA

lismattern@aol.com

Anonym hat gesagt…

selbst pfennigweise scheint bei manchem deutschen verlag der groschen nicht zu fallen - und diesmal ist das nicht dem euro geschuldet - oder etwa doch? wie sonst erklärt sich, daß dem piper-verlag diese aufregende vortragsankündigung (http://www.msu-uci.com/) ihres autors prof. norman finkelstein für den 16. mai 2006 bei der msu an der uci entgangen ist. herzlichen dank für den aufmerksamen blog