Donnerstag, Juni 08, 2006

Ein Käfig voller Narren

Ein Gastbeitrag von El Bandi

In meinen schlimmsten Albträumen muss ich einer Sitzung der UN-Vollversammlung beiwohnen. Oder einem Elternabend in der Schule. Beides ist ähnlich absurd, chaotisch, verstörend.

Und doch gibt es kein Entrinnen: Der Sohn wird in diesem Sommer eingeschult und die Klassenlehrerin hat das Treffen anberaumt, um sich vorzustellen und die Eltern kennen zu lernen, Organisationsfragen zu klären, über die benötigten Materialien zu sprechen und uns über Unterrichtsziele und –methoden zu informieren. Sie erweist sich an diesem Abend als Fels in der Brandung, eine erfrischend energische Dame mit klaren Vorstellungen, die sich wohltuend von einem Großteil der Paukergilde abhebt.

Die große Mehrheit der Eltern hat bereits auf den kleinen Stühlen Platz genommen. Bald wird klar: Die absolute Mehrheit der Erstklässler besteht aus Ausländern, sorry: Kindern mit Migrationshintergrund. Das zeigen die Namensschilder, aber auch die Kopftuchfraktion ist nicht zu übersehen. An diesem Tisch sind die Deutschkenntnisse eher rudimentär, eine Mutter hat sich gar eine Verwandte als Übersetzerin mitgebracht.

So zahlreich kommen wir nie wieder zusammen, das lässt sich empirisch belegen. Aber, um es mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin zu sagen: das ist auch gut so. Denn im Freundeskreis hab ich solche Leute nicht: eine deutsche Mutter, deren Sohn wirklich und wahrhaftig mit dem Namen eines legendären Indianerhäuptlings geschlagen ist und aus deren Dekolleté ein Tattoo hervorlugt (wie nennt man so was eigentlich: „Brustgeweih“?), ein Vater, der seinen einzuschulenden Sprössling mitgebracht (!) hat und tatsächlich überrascht ist, dass die anderen Eltern ohne den Nachwuchs erschienen sind und in der Vorstellungsrunde gleich klarstellt, dass seine Tochter die gleiche Schule besuche, jedoch keine große Leuchte sei – „aber ER wird besser“. Klar, im Mittleren Osten ist die Geburt eines Mädchen eh nur ein peinlicher Betriebsunfall, und der kleine Pascha muss es dann richten.

Mit Verspätung stürmt ein grimmig dreinblickender Mann unzweifelhaft orientalischer Herkunft in den Klassenraum und wirft sich auf das letzte freie Stühlchen. Ein Problembär, daran gibt es gar keinen Zweifel. In der Vorstellungsrunde stellt sich heraus, dass sein Filius es fertig gebracht hat, in der ersten (!) Klasse kleben zu bleiben, eine, wenn man das lasche deutsche Schulsystem kennt, ganz erstaunliche Leistung. Aber selbstverständlich ist das nicht die Schuld des Jungen, sondern, wie der Vater sich erregt, die seiner Lehrerin, mit der noch zu reden sein werde. Die Frau tut mir jetzt schon Leid. Zumal der Vater so aussieht, als könnte er seinem Zorn auch anders als in gebrochenem Deutsch Ausdruck verleihen. Man ist froh, dass er keine Pumpgun in der Hand hat und uns womöglich noch in die Hauptnachrichtensendung bringt.

Die Mutter des Apachenhäuptlings droht mit ebenso überflüssigen wie nervtötenden Monologen die Veranstaltung zu sprengen und muss jedesmal von der Klassenlehrerin gestoppt werden. Denn wie lange kann man darüber disputieren, warum der Hausmeister nur Mineralwasser MIT Kohlensäure anschaffen wird?

Spätestens als die Lehrerin kurz anspricht, welche Leckerlis die Schüler zum Geburtstag mitbringen sollten und vor allem: welche nicht, und eine Mutter daraufhin mit beleidigtem Ernst anmerkt: „Ich habe gehört, dass hier das Wort ,Negerkuss´gefallen ist; ich bevorzuge ,Schaumkuss’“, weiß ich, dass ich jetzt den Anti-Schröder machen machen muss.: Ich will hier raus!

Wenigstens bleibt uns die befürchtete Diskussion darüber erspart, warum die Erstklässler traditionell vor der Einschulungsfeier einen Gottesdienst in der Kirche gegenüber besuchen. Die Kopftuchfraktion schweigt, wohl auch, weil eh klar, ist, dass sie diese Veranstaltung boykottieren wird. Aber immerhin: kein Gemekka.

Wir wollen doch auch mal das Positive erwähnen.

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