Mittwoch, August 16, 2006

Doppelter Traditionsbruch!

Es ist meinem Freund Claudio beschieden gewesen, als erster die Courage Steinmeiers zu würdigen, seinen Besuch in Damaskus kurzerhand abzusagen - nachdem Baschar al Assad nur das tat, was arabische Führer eigentlich immer tun, wenn sie unter sich sind: über die bösen Zionisten zu schwadronieren um von eigenen Fehlern abzulenken.

Aber offensichtlich hat sich die WM-Hymne auch im Nahen Osten einen unerwarteten Widerhall gefunden: Zeit, dass sich was dreht. Und was sich dreht, und den Autokraten von Damaskus bis Teheran zunehmend kühl ins Gesicht weht, ist der Wind. The wind of change, möchte man beinahe pathetisch ergänzen.

Denn was Steinmeier vollbracht hat, ist ein doppelter Traditionsbruch langjähriger europäischer Nahostdiplomatie.

Tradition Eins: Äquidistanz. Es ist beinahe eine heilige Kuh, deren Schlachtung wir erstaunt vor den Bildschirmen quasi live miterleben konnten. Normalerweise hieß es immer: Beide sind Täter, beide sind Opfer, mit beiden muss man reden, beide müssen zurückstecken, beiden muss man zuhören, beide haben Recht und Unrecht zugleich - alles das, was man in unseren Kindergärten auch lernt, wenn sich die Kleinen die Backförmchen im Sandkasten um die Ohren hauen. Nahost, der Sandkasten für Europas erziehungsbeflissene Diplomaten. Und je lauter einer "Der hat aber angefangen!" schrie, desto mehr besann man sich auf eben diese Tugend: Äquidistanz. Schön den gleichen Abstand wahren zwischen den Streithähnen, bloß nicht einem recht geben und den anderen düpieren.

Was die Fakten anging, war dieses Vorgehen allerdings auf einem Auge blind, ja eigentlich sogar auf beiden: Es ist ja nicht erst seit heute offensichtlich, dass Waffenstillstände stets von einer Seite gebrochen werden, dass es eine Seite ist, die immer und beinahe ausschließlich bewusst und gezielt Zivilisten ermordet, dass es eine Seite gibt, die Verhandlungen verweigert, oder durch völlige Bewegungslosigkeit und begleitenden Terror zum scheitern bringt. Und so wirkte die Kindergartendiplomatie Europas so, wie sie wirken musste: die Rowdies, pardon, Terroristen fühlten sich ermutigt, sie hatten mit ihren Massakern an friedlichen Israelis ja auch immer ein bisschen recht. Und die Israelis waren mit ihren Vergeltungsschlägen gegen die Verstecke von Bombenbaufabriken, Terrorpaten und Sprengstofflagern ja auch immer ein bisschen böse.

Nun bricht Steinmeier mit der so liebgewonnenen Tradition der Äquidistanz. Nein, sagt er, zu Leuten, die Menschenschlächter wie die Hizbollah für eine Zierde und Ehre ihrer Nation halten, tut ein bisschen mehr Distanz doch ganz gut. Mit solchen Leuten muss man sich nicht an einen Tisch setzen, man muss sich von solchen Leuten nicht den roten Teppich ausrollen lassen, und sich grinsend händeschüttelnd ablichten lassen für die gleichgeschaltete Propagandapresse, die eben noch Hasstiraden abdruckte, schwarz auf weiß.

Aber damit bricht die zweite Tradition: Bislang war es schnurzpiepegal, was arabische Potentaten in ihrem "inner circle" für Schoten abgelassen haben, es wurde gepflegt ignoriert. Da konnte Arafat "Djiahad, Djihad, Djihad!" ins Mikrophon keifen, er galt immer noch als gemäßigt und friedenswillig. Solange man den westlichen Diplomaten das sagte, was sie hören wollten, war es eben gleichgültig, was man vor den Studenten, Journalisten, Paramilitärs und Jugendverbänden verlauten ließ. Das wurde mehr oder minder als orientalische Folklore abgetan, so, als hätte Eddie Stoiber vor katholischen Landfrauenverbänden den Erzherzog-Johann-Jodler dargeboten. Politische Relevanz wurde dem nicht beigemessen

Damit ist es nun auch vorbei. Irgendwie scheint man in Berlin begriffen zu haben, dass das folkloristische Djihad-skandieren, das gesellige Flaggenverbrennen und das massenmordende Selbstmordattentat vielleicht doch Seiten ein und der selben Medaille sind, einer gepflegten und gehegten Scham-, Zorn- und Hasskultur, die am Ende wahllos mordend gegen Israel aber auch den Westen, ja sogar Europa überschwappt.

Nun hat sich der Wind gedreht, und wer zwischen den Zeilen lesen kann, stellt auch fest, dass Assad und Achmadinedschad zunehmend isoliert in der arabischen Welt da stehen. Längst schon haben sich Libanon und viele nicht-arabische Länder wie die Türkei, Indonesien und andere darauf verständigt, gemeinsam die Entwaffnung der Hisbollah in Angriff zu nehmen. Mit westlicher, womöglich bundesdeutscher Hilfe und - hinter vorgehaltener Hand - in stillschweigender Inanspruchnahme der von Israel geleisteten Vorarbeit.

Nun dürfen wir gespannt sein: Wird sich Assad dem gedrehten Wind anpassen? Oder will er den Sturm der fanatischen Massen entfesseln und damit als arabischer Volkstribun nicht nur Israel, den USA und Europa trotzen, sondern auch all den von ihm als Feiglingen titulierten Nachbarn? Er weiß, er bleibt der letzte übrig, der mit Israel keinen Frieden schließen konnte, und seine Verhandlungsposition um den Golan wird dadurch immer schwächer. Vielleicht wäre es jetzt an der Zeit von Israels Seite aus, ein Angebot zu machen. Die Gelegenheit scheint günstig.

Heidelbaer



Philippika

1 Kommentar:

Heidelbaer hat gesagt…

Man soll den Tag nie vor dem Abend loben.

Nun hat Siniora zurückgerudert: Niemand wolle den arabischen Widerstand entwaffnen.

Genau das soll aber seine Armee zusammen mit den Uno-Truppen tun.

Es wird wohl noch einiges mehr an couragierter Diplomatie gebraucht.

Ob Europa dazu fähig ist?