Mittwoch, Juni 18, 2014

Gefährliche Kartenspiele

Überall kursieren Karten. In der Ukraine-Krise genauso wie in den im Bürgerkrieg zerfallenden Staaten Syrien und neuerdings Irak. Ständig wird uns durch bunte Farben deutlich gemacht, dass da was in einem künstlichen Staat zusammengepfercht ist, was sich spinnefeind ist.

Frei gegen Willy Brandt lautet das neue Mantra offensichtlich: Nun fällt auseinander, was nicht zusammengehört. Und manchem scheint es ein natürlicher, womöglich sogar gesunder oder heilsamer Prozess zu sein, der freilich seinen Blutzoll fordert, aber am Ende ein Leben homogener, religiöser, kultureller Ethnien in gesicherten Grenzen stehen würde.

Ein gefährlicher Irrtum.

Denn die bunten Farben blenden uns. Wenn irgendwo 80% Sunniten, Russen oder Alawiten wohnen, sind wir schnell gewillt, es einem entsprechenden Staat zuzuweisen. Aber machen wir uns klar, was das für die 20% andere bedeutet?

Gerade wenn sich ein Staat dann eben nicht national, sondern ethnisch-religiös definiert? Haben wir nach den Massakern in Bosnien, dem scheinbar ewig schwelenden Indien/Pakistan-Konflikt und einem 30jährigen Krieg in unserer Geschichte nicht genug gelernt?

Staatsgrenzen an diesen ethnisch-religiösen Grenzen zu ziehen bedeutet in Wirklichkeit sehenden Auges all das in Kauf zu nehmen: ethnische Säuberungen, Massaker, Flüchtlingsströme hier und jetzt und ewige Grenzstreitigkeiten im Weiteren. Wollen wir das?

Gerade im Blick auf Menschen, die auf jeder Karte fehlen, weil sie ohnehin immer nur kleine Minderheiten sind, sollten wir die Idee religiös-ethnischer Staatsgrenzen ganz schnell in den Giftschrank sperren. Denn was würde sonst aus den Christen im Zweistromland, aus den Juden in Ost- und Westukraine und so weiter?

Gerade die Tendenz in den genannten Ländern, dass sich die Mehrheitspartei stets "ermächtigt" fühlt, mit ihrer demokratischen Legitimität die Minderheiten zu gängeln (das ist nicht nur dort so, siehe z.B. Türkei), würde durch eine religiös-ethnische Homogenisierung eher noch befeuert als gebremst.

Dabei muss allen klar sein: Es gibt keine Alternative zum friedlichen Zusammenleben verschiedener Ethnien und Religionen in einem Land, mit garantierten Minderheitenrechten und einer selbstverständlichen Toleranz. Der Ukraine ging es besser als man zusammenlebte als es in einer Spaltung je den Einzelteilen gehen kann, dem Sudan ist die Trennung auch nicht gut bekommen, Irak und Syrien können nur wehmütig an Zeiten des Friedens in anerkannten Grenzen zurückblicken.

Viele Länder können gute Beispiele geben, dass ein funktionierender Staat durchaus sprachliche, kutlurelle, ethnische oder religiöse Trennungslinien verkraften kann. Deutschland mit seinem evangelisch-katholischen Bruch, der trotz brutalster Kriege am Ende zu Einigkeit und Recht und Freiheit führte. Die Schweiz, die USA usw.

Selbst im unversöhnlichen Konflikt um Palästina wird mittlerweile offen überlegt, ob die Trennung von jüdischem Israel und arabischem Palästina wirklich sinnvoll ist, und ob beide gemeinsam in einem Staat nicht erfolgreicher sein könnten, und unlösbare Grenzfragen wie um Jerusalem, Siedlungsgebiete, Rückkehrrecht von Flüchtlingen oder arabische Wohngebiete Israels nur deshalb exisitieren, weil man nicht out-of-the-box der ethnisch-religiösen Grenzziehungen denken kann.

Es ist leider viel zu leicht, Menschen davon zu überzeugen, dass sie mit jenen anderen ganz bestimmt gar nicht zusammen leben können. Die Wirklichkeit ist aber oft umgekehrt: Ohne den Anderen ist es oft noch komplizierter als mit ihm.

Heidelbaer

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