Freitag, Juni 13, 2014

ISIS - woher hat sie das Zeug, Mossul zu erobern?

Das Zeug in der Überschrift ist durchaus wörtlich zu verstehen, denn die Unterstützung der ISIL irgendwie durch die Golfstaaten ist mir nicht ausreichend. Natürlich gibt es da eine Menge Dollars zu verteilen. Aber Geld alleine schießt keine Tore - äh, falscher Thread - keine Löcher in gepanzerte Fahrzeuge. Es gibt ja keine Luftbrücke aus Bahrain oder Qatar in die sunnitischen Provinzen des Irak. Und dazwischen liegen MMFD*.

Die Frage ist: Wie kommt das Zeug da hin? Wer rüstet die Leute aus, wer bringt sie an die Front, wie kann die für so eine Offensive notwendige Logistik aufgebaut werden. Das hier ist ja nicht mal eben ein Kofferbomben Attentat, wo du nur ein paar verblendete Deppen, drei Schokoladentafeln Semtex und einen Kosmos Elektronikbaukasten zu brauchst. Hier wurde gerade mal eine Millionenstadt militärisch erobert, gegen eine bis auf die Zähne bewaffnete und professionell ausgebildete Armee (OK, in Sachen Ausbildung und Kampfgeist gab es wohl erhebliche Schwächen, trotzdem: Das war kein Picknick).

Ich habe mich mal staubsaugermäßig durchs Netz bewegt, und verschiedenste, zum Teil schockierende Antworten gefunden, und stelle gleich mal das Diktum eines amerikanischen Sicherheits-Typen an den Anfang, der gesagt haben soll; If you read the intelligence reports about ISIL you only want to kill yourself. (wenn ich die Geheimdienstberichte über ISIL lese, möchte ich einfach nur noch Selbstmord begehen). Denn meine naive Annahme, ISIL sei ja eigentlich nur von Todfeinden umgeben, stimmt nur an der Oberfläche. Als Feind von Verschwörungstheorien geht es mir aber wie dem Ami, man möchte sich lachend vor die S-Bahn werfen, wenn das alles wahr ist...

Supportroute eins: Syrien. Obwohl Assad Erfolge erringt, ISIL dort also eigentlich schwach sein sollte, ist Syrien keineswegs auf der passiven Seite. Denn gerade die Erfolge Assads sorgen für einen steigenden Zufluss an Waffen, Menschen, Material und Geld für alle Rebellenparteien, denen man zutraut, Assad zu stoppen. ISIL hat innerhalb der Rebellengruppierungen einen starken Stand, kann also auch von den anderen Parteien ihren Anteil am Kuchen erpressen, wenn die ihnen es nicht ohnehin freiwillig weiterreichen, was ihnen als "moderaten" Kräften geliefert wird.

Deshalb auch zwei: Türkei. Natürlich sollte man das NATO Land Türkei als Intimfeind der ISIL wahrnehmen. Aber so ist es keineswegs. Die Türken, so kann man lesen, haben die ISIL durchaus inoffiziell protegiert und unterstützt. Nach der Logik der Feind meines Feindes ist mein Freund. Gleich zwei Ziele verfolgte die Türkei mit einer starken ISIL: der Kampf gegen Assad, bei dem sich die (ja nur noch pro forma laizistische) Türkei schnell auf die Seite gerade des religiös-sunnitisch motivierten Widerstandes geschlagen hat. Und zweitens: Kurdistan. Nicht nur in Syrien, sondern auch im Irak sind die Kurden Gewinner des Zerfalls der Nationalstaaten mit ihren Grenzen aus der Kolonialzeit. ISIL strebt ein sunnitisches Kalifat in Grenzen an, die sich zu einem guten Teil mit der kurdischen Einflusssphäre überlappen, und wäre daher in der Lage die Gründung eines formalen Kurdenstaates zu verhindern.

Und Nummer drei: Der Iran. Das wird nun endgültig schräg, denn wenn es irgendwelche Todfeinde gibt, die sich nun schon seit längerem gegenseitig zu Hunderten auf abscheulichste Weise massakrieren, dann doch die sunnitischen und schiitischen Terrorgruppen im Irak, wobei doch allen klar ist, dass Iran nur die Schiiten, aber niemals die Sunniten unterstützen würde. Aber es gibt durchaus Hinweise, dass der Iran, um den Irak schwach zu halten und vor allem die USA aus dem Land zu bomben auch sunnitische Terroristen unterstützt hat (mit HAMAS hatte man ja auch keine Probleme, obwohl sie Fundi-Sunnis sind). Freilich ist diese Achse seit dem Abzug der Amerikaner und dem iranisch kontrollierten Maliki-Kabinett zerbrochen, und in Syrien kämpft Iran aktiv gegen ISIL.

Nur: Die mit Waffen, Männern, Material und Dollars aufgepustete ISIL geht eben auch den Weg des geringsten Widerstandes. Seit Iran/Hisbollah den syrischen Boden für ISIL ausgesprochen blutig machen, und die kurdischen Peshmerga die von ihnen kontrollierten Regionen fest im Griff haben und verbissen verteidigen, entweicht der Druck eben Richtung Bagdad. Die dortigen Soldaten fühlen sich von den USA im Stich gelassen, und sind als Sunniten auch nur begrenzt bereit, für ein zunehmend schiitisch/iranisches Regime zu sterben (das ist vergleichbar mit den russophonen Soldaten der ukrainischen Armee).

Und dazu kommt ein letzter Verbündeter: die alten irakischen Baath-Kräfte aus Saddams Zeiten. Sie hatten seit jeher immer einen Rest an Macht und Kontrolle über Tikrit und andere sunnitische Gebiete Iraks behalten, hatten Leute im Militär, in der Verwaltung in der Wirtschaft. Es war weder gewollt noch opportun, sie konstruktiv in den neuen Irak einzubinden, und so lauerten sie auf eine Schwäche des verhassten Staates wie die nationalistischen Reichswehrgenerale in der Weimarer Republik. Den verhassten Schiiten und den nicht minder verachteten Kurden zu zeigen, dass sie noch lange nicht tot sind, ist ihnen ein Herzensanliegen, dass sie in ein Bündnis mit den Gotteskriegern treibt, das für sie genauso tödlich enden könnte wie für manchen deutschnationalen die Umarmung mit den Nazis.

Daher sollte die Frage nicht zu allererst die Frage nach den militärischen Mitteln sein, die nun überall gestellt wird: Dronestrikes, Luftangriffe, Boots on the ground? Zuallererst muss politisch versucht werden, die Nachschubpipelines für diese Bande zuzudrehen. Nicht wenige der Unterstützer werden mittlerweile wissen, dass ihr Engagement eher kontroproduktiv ist: Die Kurden übernehmen Kirkuk und sind so unabhängig wie nie, Assad lässt sich als Präsident wiederwählen und macht den Eindruck, die Kontrolle über seine Gebiete zu festigen und die Aufständischen Zentimeter für Zentimeter zurückzutreiben, und die Abstimmung mit den Füßen zeigt, dass die Zivilbevölkerung nicht wirklich einen Gottestaat willkommen heißt.

Wenn das gelingt, fällt die ISIS zusammen, weil sie eine künstliche Blase ist, und dann muss man endlich an einer Nachkriegsordnung im Irak zimmern, die diesen Namen auch verdient, in der Kurden, Sunniten und Schiiten nicht einander auszubooten versuchen, sondern zum gemeinsamen Nutzen aller zusammenarbeiten. Dass das allerdings ohne eine echte (auch militärische) Präsenz vor Ort gelingen kann, wo doch alle anderen Kräfte mit ihren Waffen winken, steht auf einem anderen Blatt.

Tatsächlich halte ich den Abzug Obamas für einen genauso schwerwiegenden Fehler wie den Einmarsch Bushs. Armer Irak.

*miles and miles of f*cking desert

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