Montag, Juli 14, 2014

Begeisterung



Ja, alle reden von Fußball, und immer wenn Kirche das auch tut, dann wird es leicht peinlich. Vor allem wenn es nur so von moralin-saurer Betroffenheit trieft. Natürlich wissen auch die wirklich eingefleischten Fußballfans, dass es erhebliche Probleme gibt. Es ist viel zu viel Geld im Spiel, und das verdirbt bekanntlich den Charakter.
Da wird schon geschummelt und bestochen bei der Vergabe der WM, es wird beim Bau der riesigen Stadien Umwelt zerstört, Geld verpulvert und womöglich am Ende eine Ruine stehen gelassen, die niemand braucht. Bei den Spielen selbst geht es für die Spieler zum Teil um Millionenverträge mit Vereinen oder Sponsoren, im Wettbetrieb werden weltweit Milliarden umgesetzt, dass dabei das eigentlich sportliche Schaden nimmt, ist gar nicht zu vermeiden. 

Und leider erleben wir auch, dass die Funktionäre, die Millionen und Milliarden hin und herschieben, aber unten, bei der zum Teil wirklich armen Bevölkerung vor Ort nur sehr wenig davon ankommt. 

Gerecht ist das nicht, das sieht wohl jeder.

Aber soll man sich deshalb den gesamten Spaß am Fußballfest rauben lassen, soll man sich enttäuscht und angewidert abwenden von dem ganzen Kommerz? Ja, das kann man gerne tun, aber es ist die Frage, ob man das auch von jedem anderen fordern kann, und das womöglich sogar für besonders christlich hält.

Denn vielleicht ist es auch ein bisschen Neid, der unsere Kirchenmänner und -frauen so missgünstig auf den Sport blicken lässt. Denn was wir erleben, wenn Deutschland ein wichtiges Fußballspiel gewinnt – oder die SG Flensburg Handewitt die Champions League im Handball: das ist echte Begeisterung.

Und das ist für uns von der Kirche deshalb so schmerzhaft, weil es das bei uns auch mal gab. Als Pfingsten der Heilige Geist ausgegossen wurde, startete für unsere Kirche ein wahres Sommermärchen, Menschen strömten zu Tausenden in die Gemeinde, Männer, Frauen, Reiche und Arme, Soldaten und Sklaven, Alte und Junge: Alle wollten dazu gehören, wollten die Apostel hören, wollten die Taufe empfangen.
Wo über den christlichen Glauben gepredigt wurde, da waren die Häuser überfüllt, die Menschen standen in Trauben vor den Fenstern und Türen um irgendetwas mitzubekommen – man kann sich die Atmosphäre nur vorstellen wie beim Finale von 1954 wo die wenigen Fernseher der Nation und unzählige Radiogeräte von begeisterten, gespannten und mitfiebernden Menschen belagert wurden.

Ja, da kann man nur neidisch werden heute, denn Kirche wird heute eben kaum noch mit Begeisterung, mit Leidenschaft, mit übersprudelnder Freude und mit herbeiströmenden Menschenmassen in Verbindung gebracht. 

Nur: in dem man das andere miesmacht, wird man selber auch nicht wirklich attraktiver. Im Gegenteil, bei aller berechtigten Kritik bleibt der fade, spaßfeindliche und besserwisserische Nachgeschmack auf der Zunge. Mit anderen Worten: Mit unseren Moralpredigten machen wir es nur noch schlimmer. Kein Wunder, wenn Kirche als langweilig und öde wahrgenommen wird, die Gottesdienste nur noch von einer Handvoll Leuten besucht werden und die Menschen kirchlichen Amtsträgern bei ihren öffentlichen Äußerungen kaum noch zuhören.

Stattdessen sollten wir uns auf den Weg machen, der Begeisterung wieder Raum zu geben. Denn der Geist Gottes ist immer noch derselbe, und auch unsere Botschaft ist immer noch sensationell: Dass es einen Gott gibt, dem wir nicht egal sind, der uns nicht vor unerfüllbare Bedingungen stellt, sondern der uns liebt, und alles für uns gibt.
Und genau darum bemühen wir uns in unserer Kirchengemeinde: Für diese Botschaft neue Formen zu finden. Einen Raum dafür zu schaffen, Glauben lebendig zu leben, auch mit Spaß und Begeisterung. Dazu zählen zum Beispiel unsere Open Air Gottesdienste: Zum Himmelfahrtsgottesdienst kamen über hundert Menschen. Dazu zählen aber auch unser Konfi-Camp, die Gruppen von Klein bis Groß in denen Menschen einander begegnen und Lebensfreude teilen, ob im Spielen, im Singen, Musizieren, bei den Pfadfindern oder im Altenkreis. 

Begeisterung ist kein Fremdwort für unsere Gemeinde, und unsere Angebote werden immer besser: Neuerdings gibt es Jugendgottesdienste, es gibt die fröhlich bunte Sommerkirche und wir arbeiten an einem Gottesdienst in moderner Form – lesen Sie alles darüber in unserem Kirchenboten. 

Die WM ist bald vorbei, aber wir bleiben hier und unser Angebot ist hier vor Ort – und in der Regel sogar gratis.
Probieren Sie es doch mal aus!

Ihr Pastor Heidelbaer

P.S. Bei aller Begeisterung: Ihre Kirchengemeinde ist auch für Sie da, wenn es traurig oder ernst wird. Wenn Sie Sorgen haben oder in Not sind, in Krankheit oder Trauer: rufen Sie uns an.

Dieser Artikel wurde in unserem Kirchenboten als Titelthema für den Sommerbrief 2014 geschrieben und gedruckt. Aus Anlass der großartigen Weltmeisterschaft veröffentlichen wir ihn hier.

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