Donnerstag, Juli 10, 2014

Gibt es ein Wunder von Rio?

 Ja, auch der Heidelbaer schreibt etwas zur WM. Nicht weil ihm die Kinder in Gaza, die Atomkraftwerke in Israel, die Millionen Syrer und Ukrainer egal wären. Sondern weil es ein Leben außerhalb der grausamen Politik gibt. Auch der unermüdliche Richard Schneider verkündet Twitterpausen während der WM-Spiele. Gut so. Wer keine Zeit für Nebensachen hat, wird in den wirklich wichtigen Fragen des Leben irgenwann verbissen und humorlos - und dann werden sie garantiert unlösbar.

Lösbar scheint die Aufgabe für die deutsche Mannschaft im Finale zu sein. So brillant gewannen sie gegen den Mitfavoriten Brasilien, so dürftig, ja armselig präsentierten sich die potentiellen Gegner im anderen Halbfinale. Wer nun etwas anderes als einen strahlenden Sieg Deutschlands im Finale erwartet, muss ganz offensichtlich zu den bemühten Beschwichtigern gehören - oder zu kritikversessenen Miesmachern, die alles einfach nur schlechtreden müssen. Beides liegt mir nicht - und trotzdem behaupte ich: Um den Titel zu holen braucht Deutschland das Wunder von Rio. Warum?

Rückblick Halbfinale: BRAGER war wirklich unglaublich. Ich sehe hier tatsächlich auch einen Fehler beim brasilianischen Trainer, der seine Mannschaft auf ein frühes Tor getrimmt haben dürfte (oder waren die Männer durch die Manege so euphorisiert, dass sie sofort nach vorne gerannt sind?). Jedenfalls waren die ersten 5-10 min ein brasilianischer Sturmlauf, als ginge es um die letzen 90 sec der Nachspielzeit. Das ist in einer so frühen Phase des Spiels eher... ungewöhnlich. Und vor allem mit Risiko behaftet. Die deutsche Mannschaft schüttelte sich kurz, sortierte sich gut, und spielte Konter. Einer der ersten davon führte zur Ecke, Standard, Flanke, Volley, Tor. Anders als viele andere Beobachter habe ich bereits nach dem 1:0 keine brasilianische Weltmeisterschaftsmannschaft mehr gesehen. Die wirkten wriklich so, als hätten sie das 1:0 in der letzten Minute der Nachspielzeit kassiert. Das heißt, sie rannten weiter kopflos nach vorne, um schnell den Ausgleich noch hinzubekommen, zusätzlich wirkten sie tatsächlich so müde und ausgepumpt, als wäre es die 92. Spielminute.

Es gab ganz offensichtlich keinen Plan B, keinen, der sagte: so Jungs, das Spiel ist jung, jetzt sortieren wir als erstes mal unsere Abwehr, dann konsolidieren wir das Mittelfeld, und dann gucken wir mal, ob nicht vorne noch was geht. Im Handball hätte man eine Auszeit nehmen müssen, im Fußball hilft da nur eine frühe Auswechselung, aber nichts dergleichen passierte. So steigerten sich brasilianische Panik, Kopflosigkeit und Erschöpfung parallel zum deutschen Torrausch. Der Rest ist bekannt.

Aber nüchtern betrachtet muss man sagen: Muster ohne Wert. Das war ein Trainingsspiel, das waren Regionalliga-Amateure, die man da abgeschossen hat, es brauchte nur ein bissl taktische Disziplin, einen Schluck Technik und Ballbeherrschung und man konnte Zauberfußball zelebrieren. Das ist blamabel für die Brasilianer, denn so geht Profifußball nicht. Sorry.

Das zweite Halbfinale hätte ja nun unterschiedlicher nicht sein können: Was Brasilien an taktischer Disziplin fehlen ließt, hatten Holland und Argentinien eindeutig zu viel. Viel zu viel. Ballkontrolle total, bloß kein Risiko, wie beide Mannschaften den Ball immer wieder in die eigene Hälfte passten, um ihn bloß nicht zu verlieren, war beinahe unerträglich anzuschauen. Die Systeme wurden starr, beinahe sklavisch eingehalten, Verschiebungen fanden bestenfalls in der Horizontalen statt, aber dass mal wer mit aufrückte um in einer Angriffssituation auch mal eine Überzahl zu erzeugen, habe ich kein einziges Mal beobachtet (kann sein, dass ich vereinzelte Aktionen dieser Art übersehen habe, weil mir zwischendurch die Augen zufielen).

Wenn überhaupt, fanden diese Bewegungen rückwärts statt, dass dann die ein zwei Spieler, die vorne etwas reißen sollten mit sieben oder acht Gegenspielern zu kämpfen hatten, keinerlei Unterstützung von ihrem eigenen Team erhielten und sich deshalb entweder festrannten, den Ball verloren oder - ach ja, das geht ja auch noch - nach hinten passten. Um einen Angriff aufzubauen? Nein, eben nicht. Das Schlimme ist: So blieben selbst Standards Mangelware. In dieser trostlosen Unterzahl können selbst Robben und Messi schon bei der Aufgabe verzweifeln, einen Freistoß oder wenigstens eine Ecke zu schinden. So versandete auch die letzte Hoffnung ein Tor aus einer Standardsituation könnte zumindest eine Seite zwingen, ihr starres Defensivgeschiebe ein ganz klein bisschen aufzuweichen.

Ganz offensichtlich haben beide Mannschaften und Trainer den brasilianischen Untergang genau analysiert, und haben sich darauf eingeschworen: wir werden nie, nie, nie unsere defensive Ordnung, unsere taktische Disziplin aufgeben - nicht einmal in der 90. Sekunde der Nachspielzeit. Auch hier ist das Ergebnis bekannt.

Was bedeutet das für das Finale? Nichts Gutes! Denn Argentinien ist mit dieser Taktik weitergekommen (und für sie spielt es keine Rolle, das Holland mit der gleichen Taktik ausgeschieden ist), und nichts, wirklich gar nichts spricht dafür, dass sie das im alles entscheidenden Spiel großartig ändern werden. Denn sie werden in der Vorbereitung noch einmal das Spiel Deutschlands gegen Brasilien anschauen. Und werden sagen: so geht es also nicht. Und sie werden sich die Spiele gegen Algerien und Nigeria ansehen und sagen: Aha. Das können wir auch. Vielleicht sogar einen Tick besser.

Denn unsere glänzenden Raumausstattermeister da vorne sehen längst nicht mehr so genial aus, wenn die gegnerische Maurerinnung alles zubetoniert. Gegen extrem defensiv aufgestellte Mannschaften waren Jogis Jungs auch in dieser WM "stets bemüht". Nur anders als Nigeria oder Algerien haben die Argentinier einen Messi, der aus jedem beliebigen Konter ein Tor machen kann. Neuer hin oder her. Die Lösung wäre: Deutschland spielt wie Holland, selbst in Ballbesitz hinten keine Lücken lassen, bloß beim Anrennen gegen das argentinische Abwehrbollwerk nicht leichtsinnig werden, ja nicht zu weit aufrücken, nur keine Konter zulassen.

Nur: dieses Spiel kann diese Mannschaft gar nicht so gut. Es könnte dabei also genau so ein Grottenkick dabei herauskommen wie wir ihn gerade im zweiten Halbfinale gesehen haben, statt eines Zauberfußballs aus dem ersten. Und es kann dabei sogar leicht eine Niederlage Deutschlands herauskommen, weil die alte Weisheit gilt (übertragen gesehen): Diskutiere nie mit Idioten, erst ziehen sie dich auf ihr Niveau, dann schlagen sie dich mit Erfahrung.

Aber vielleicht passiert auch das Wunder von Rio, und Mesut Özil packt wirklich mal seine Genialität aus, und findet Lücken in der Abwehr, die es eigentlich gar nicht gibt, und Müller schafft sich Räume aus dem Nichts oder man schindet doch einen Standard, den Klose oder Hummels über die Linie nicken. Ein noch viel größeres Wunder wäre allerdings, wenn Argentinien versuchen würde, Fußball zu spielen. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

ZORA

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