Sonntag, August 17, 2014

Der Monotheismus ist unser Unglück?

"Was haben Islam, Judentum und Christentum gemeinsam? Nur diesen einen menschenverachtenden Satz: 'Nur wir haben Recht und sind im Recht" Dieser Satz von @rc_schneider auf Twitter war mehr ein Stoßseufzer angesichts eskalierender Gewalt zwischen Israel und der Hamas, zwischen Sunniten und Schiiten in Syrien, im Irak, dem Gemetzel an den Christen und Yesiden, dem Ruf nach noch mehr Waffen und Bomben gerade auch durch konservativ-christliche Kreise hierzulande wie in den USA. Bevor ich also diesen schrecklichen Satz in seine Bestandteile zerlege und widerlege ist es mir ein Bedürfnis das hier zu sagen: Ich habe Verständnis dafür!

Ich habe Verständnis für den Frust, die Ohnmacht, die Verzweiflung die einen überwältigen kann, wenn man (gerade als Korrespondent in dieser Region) immer hinsehen muss, wie sich Religionsgruppen, die doch so wahnsinnig viel gemeinsam haben, nur noch durch die Brille des Hasses betrachten und in menschenverachtender Rechthaberei übereinander herfallen. Gerade die Berichterstatter vor Ort nehmen die Ereignisse ja nicht vom sicheren Wohnzimmersessel aus wahr, wo sie in beruhigender Entfernung über die Mattscheibe flimmern, sondern sie stehen selber mit ihren Füßen im Staub der Ruinen explodierter Bomben und Raketen, sie haben das Geheul der Sirenen in ihren eigenen Ohren und müssen entscheiden, ob sie den Angriff dokumentieren wollen - oder lieber mit ihrem Team die Schutzräume aufsuchen sollten. Sie sehen mit eigenen Augen verletzte womöglich tote Körper von Männern, Frauen und Kindern. Sie sehen trauernden Müttern in die Augen, begegnen Scharfmachern und Kriegstreibern von Angesicht zu Angesicht, und ja, wir erwarten von ihnen, dass sie genau hinsehen und genau hinhören. Und das muss man Richard C. Schneider zu Gute halten: er ist einer der genau hinsieht, genau hinhört.

Aber - auch das zeichnet Richard C. Schneider aus - er bleibt nicht im mitmenschlich-gefühligem Betroffenheitsjournalismus stecken, sondern liefert immer wieder (gerade neben den Mini-Clips in Tagesschau und Tagesthemen) Analysen und Hintergründe. Zum Beispiel in Videoblogs oder Beiträgen auf einem eigenen Blog des TLV-Studios. Das ganze wird ergänzt durch sekundenaktuelle Nachrichten auf den Sozialen Netzwerken, wie z.B. Twitter. So geht Journalismus heute. Und gerade weil man nüchterne Analysen in der ganzen Hitzigkeit des Nahostkonfliktes so nötig braucht wie immer, gerade deshalb muss festgestellt werden: Dieser Satz über Islam, Christentum und Judentum geht gar nicht. Er ist falsch, irreführend und gefährlich. Obwohl an ihm - leider - auch etwas Wahres dran ist. Doch das muss erklärt werden.

Zunächst die erste Behauptung, der Satz sei falsch, irreführend und sogar gefährlich. Dass er falsch ist, sollte eigentlich offensichtlich sein. So viel teilen die drei Religionen miteinander: Sie haben einen einzigen Gott, der allein Gott zu sein beansprucht, sie haben eine Heilige Schrift, sie haben die Verehrung Abrahams als ihren Stammvater, sie kennen die Geschichte von Adam und Eva, die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern und viele andere Erzählungen gemeinsamer Väter.

Die Irreführung besteht gerade darin, dass dies alles als Rechthaberei ausgelegt wird. Unser Gott ist der wahre und einzige Gott, unsere Schrift ist die einzig wahrhaft Heilige, unsere Version von den Geschichten der Väter ist die einzig richtige. Natürlich kann ein Rechthaber aus allem eine Rechthaberei machen - und in Glaubensdingen erscheint das besonders prekär, weil die Beweisführung für das Gegenteil bekanntlich schwierig ist. Aber das Rechthaberische ist nichts, was diesen Religionen nun besonders eigen wäre. Etwa, dass Menschen, die gewöhnlich ganz tolerante und liebenswerte Personen wären, erst durch ihren Glauben nun zu rechthaberischen Menschenfeinden würden. Dazu ist das Gegenteil oft genug geschehen: Das Menschen gerade durch ihren Glauben zu sozialeren, geduldigeren und ja auch toleranteren Personen werden.

Auch Historisch ist die Gleichung: Monotheismus = Rechthaberei und Menschenverachtung schlicht falsch. Im Gegenteil, der Monotheismus hat den Boden für die Menschenrechte geebnet. Denn waren vorher die Völker jeweils Kinder eines Gottes (und andere Völker Kinder eines anderen Gottes), so nahm der Monotheismus zum ersten Male an, dass alle Menschen Kinder des einen selben Gottes seien. Von da aus ist es (gedanklich, leider nicht historisch) zu dem Satz: "Alle Menschen sind gleich und frei" nur noch ein kleiner Schritt. Dennoch ist leicht zu erkennen, dass die bestialischten Menschenvernichtungen des letzten Jahrhunderts immer auch mit einer Demontage des monotheistischen Glaubens einhergingen.

Das macht den Satz gefährlich. Schon mehrfach wurde der Glaube an den einen Gott abgetan als antiquiert und abergläubisch, die Wissenschaft (ob Rassetheorie oder dialektischer und historischer Materialismus) wurde vorangestellt, oft gepaart mit Führerkult als Relgionsersatz. Und dann wurde gemordet, weil das Menschenmaterial keine Würde mehr hatte, sondern Selektiert, sortiert und bei Missfallen vernichtet werden durfte. Speziell natürlich die, die diese neue objektive wissenschaftlich erwiesene Wahrheit anzweifelten. Und natürlich die Juden, der lebendige Beweis der Treue des einen Gottes zu seinem einen Volk.

Es ist deshalb keineswegs unproblematisch, dass sich in der öffentlichen (vor allem der veröffentlichten) Meinung in Deutschland immer mehr durchsetzt, dass Religion etwas tendenziell gefährliches, irrationales und gleichzeitig rechthaberisches und aggresives sei, vor dem man sich und seine Kinder schützen müsse. Unser Grundgesetz wurde bewusst in Verantwortung vor Gott und den Menschen formuliert, und die Behauptung, es funktioniere ohne Gott gewiss besser, wartet noch auf eine Bestätigung - die atheistischen Experimente der Vergangenheit machen aber wenig Hoffnung.

Und trotzdem: An dem Schneider'schen Seufzer ist ja etwas Wahres dran. Auch wenn es den Religionen in ihrer Geschichte und auch in der Mehrheit ihrer Gläubigen nicht eigen und schon gar nicht als typisch zu bezeichnen ist - die Rechthaberei hat wie ein Virus alle infiziert, und zeigt schreckliche Symptome.

Der Islam, der über Jahrhunderte eine Kultur der Toleranz und des Nebeneinanders lebte, begegnet uns mehr und mehr in der Fratze eines intoleranten, gewaltbereiten und rechthaberischen Islamismus, der die Webseiten und Foren, die Gespräche und Nachrichten überflutet.

Das Christentum, für seine Feindesliebe oft verspottet, erlebt einen Niedergang der etablierten Kirchen und ein Aufblühen evangelikaler und oft fundamentalistischer Freikirchen US-amerikanischen Zuschnitts, die nicht selten einen strammen neokonservativen Impetus politischer Art mit sich bringen. Wer hören will, dass das verheißene Land Gottes an Israel eigentlich bis Damaskus gehe, muss bei den Christen nachlesen, so scheint es zumindest.

Und selbst das Judentum, in Jahrtausenden der Diaspora in der Rolle dessen geübt, der um des schieren eigenen Überlebens willen an einem gedeihlichen Miteinander aller Religionen immer interessiert war, begegnet uns im Gewande nationalreligiöser Parteien in Israel plötzlich arrogant, selbstgerecht, ja geradezu herrisch und intolerant.

Wie konnte das passieren? Viele der Gründe sind wohl nicht in den Religionen selbst zu suchen, sondern in den politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Konflikten rund um diese Religionen herum. Wenn aber überhaupt eine religionsgeschichtliche Antwort zu geben wäre, dann müsste man selbstkritisch feststellen: es ist wohl der Protestantismus, der die Rechthaberei in religiösen Fragen so vehement eingeführt hat.

Natürlich könnte man auch Mose, Elia, Paulus und Mohammed auch als olle Rechthaber bezeichnen, aber wie oben gezeigt spielte Rechthaberei in den Religionen nach ihnen keine so große Rolle, nachdem Anfangszwistigkeiten ausgeräumt waren. Doch mit dem Protestantismus bekam das rechthaberische Element eine demokratische Dimension: Der Widerspruch gegen etablierte religiöse Autoritäten war plötzlich richtig, legitim, ja heiliges Recht und sogar Pflicht der Gläubigen.

Diese Kultur des demokratischen Widerspruchs wollen wir heute nicht missen, sie macht die westliche Welt zur innovativsten und wissenschaftlich wie wirtschaftlich erfolgreichsten. Es besser zu wissen als die Alten treibt die Neuerung voran. Diese Besserwisserei treibt auch unsere politischen Prozesse an. Die Opposition wird immer behaupten, sie wisse nun genau wie wirtschaftlicher Aufschwung und soziale Gerechtigkeit miteinander in Einklang zu bringen seien, wie Sicherheit und Freiheit die perfekte Balance fänden und so weiter.

In der Religion hat sich diese Besserwisserei vom evangelischen Christentum auch auf katholische Christen, auf Muslime und Juden übertragen. Es ist augenfällig, dass die lautesten Vertreter des Fundamentalismus' weder aus den etablierten Kirchen, noch aus den Kreisen muslimischer oder jüdischer Gelehrsamkeit kommen. Sie sind stattdesssen Ärzte, Ingenieure oder Manager. Blutige Laien in Fragen der Theologie. Aber mit lutherischem Pathos ausgestattet, nun zu wissen, was wahre und falsche Lehre sei. (Dabei wird vergessen, dass Luther sehr wohl Mönch, Priester und Theologieprofessor war.)

Opfer dieses Pathos wird immer zuerst die eigene Theologenschaft die (ähnlich funktionieren die Vorwürfe gegen die "Mainstreammedien") als Teil einer Verschwörung zur Verschleierung der Wahrheit dargestellt werden. Erst danach richtet sich die Polemik gegen Andersgläubige und Andersdenkende. Das Ergebnis ist bekannt: Hass, Gewalt und Blutvergießen.

Was hülfe? Ganz sicher nicht die Verteufelung von Religion im Allgemeinen oder Monotheismus im Besonderen. Gerade in der Religion und im Monotheismus ist eine große Ressource zu sehen, dem Irrsinn Einhalt zu gebieten. Was aber dringend nötig wäre, wäre eine vorsichtige Renaissance von verpönten Elementen in der Religion wie Gelehrsamkeit, Tradition, Autorität.

Das sage ich als protestantischer Theologe nicht ohne Selbstkritik - und reibe auch ein wenig meine Augen vor dem Geschriebenen. Aber was der Protestantismus neben Demokratisierung ja auch brachte war eine Alphabetisierung und Intellektualsierung. Man kann Religionsauslegung nicht jedem hemdsärmelig daherkommenden Vollidioten überlassen, der dann sagt: hier steht Kopf ab, also Kopf ab - und sogleich zur Tat schreitet. Das funktioniert weder mit Islam, noch Christentum, noch Judentum.

Das wäre mein Wunsch auch an die Journalistinnen und Journalisten. Gebt auch denjenigen mal ein Mikrofon in die Hand, die wirklich Ahnung von ihrer Religion haben. Die sind vielleicht nicht so eloquent, so cool und so schlagzeilenträchtig wie die Hemdsärmeltheologen aus der Fundi-Ecke. Aber was sie sagen, könnte helfen zur Deeskalation. Da bin ich ziemlich sicher.

Heidelbaer

1 Kommentar:

maltedetje hat gesagt…

Vielen Dank für den schön geschriebenen Beitrag! In letzter Konsequenz lassen sich Wahrheitsansprüche nicht vermeiden. Die Frage ist nur, was der jeweilige Wahrheitsanspruch gegenüber Andersdenkenden bewirkt. Meine Wahrheit hat seinen Gegnern nicht eines draufgegeben, sondern sich von ihnen ans Kreuz schlagen lassen. Mit Martin Luther King: Im Angesicht all der Probleme der Welt, brauchen wir nicht weniger Christentum, sondern mehr, weil echtes Christentum.