Donnerstag, August 28, 2014

Ist das Russlands Invasion in die Ukraine?

Nun ist sie also da, die russische Invasion. Natürlich gibt es ein Restrisiko, dass das ganze ein gigantischer Propagandabluff ist, aber man muss schon eingefleischter Verschwörungstheoretiker sein, um das für wahrscheinlich zu halten. Zu viele von einander unabhängige und bislang verlässliche Quellen belegen: Es gibt reguläre russische Soldaten auf dem Boden der Ukraine, die dort gegen reguläre ukrainische Truppen kämpfen. So etwas nennt man Invasion, so etwas nennt man Krieg. "There is a word for this" twittert Carl Bildt, immerhin der Außenminister des neutralen Schweden.

Die Invasion kommt anders, als von vielen Experten erwartet wurde. Nicht mit einem gewaltigen Schlag, der die Kräfteverhältnisse gleich in den ersten Kriegstagen entscheidend klärt, sondern tröpfchenweise, zunächst in beinahe homöopatischen Dosierungen, und kontinuierlich massiver und materiell wie personell aufwändiger.

Militärtaktisch ist das eine Option, die wenig Sinn macht, denn dieses Verfahren ist geradezu die Blaupause für einen langwierigen, verlustreichen und kaum zu gewinnenden Abnutzungskrieg. Die ukrainische Armee ist zwar der russischen unterlegen, aber gegen hier ein paar Dutzend Fallschirmjäger und dort ein paar Haubitzen und Mannschaftswagen sind sie durchaus in der Lage etwas entgegenzusetzen.

Auch wenn jetzt aus NATO Quellen zu hören ist, dass die Truppenstärke der Russen in der Ukraine auf 1000 Mann angestiegen ist, sollte das keine Größenordnung sein, die eine Armee von der Größe der ukrainischen an den Rand der Niederlage bringt. Doch regional konzentriert eingesetzt können sie natürlich Gelände gewinnen, das scheint um Mariupol und Ilovaisk zu gelingen.

Mit diesem Verfahren wird eigentlich nur sichergestellt, dass beide Seiten permanent gezwungen sind, die Einsätze zu erhöhen, ohne dass der eine oder der andere entscheidende Siege erringen kann. Denn genau dazu sind die russischen Truppen mitsamt ihrer Artillerie-Unterstützung von jenseits der Grenze zusammen mit den aus russischen Beständen aufgerüsteten Guerilla fähig: den ukrainischen Vormarsch entscheidend zu bremsen.

Auch etwas anderes ist offensichtlich: Die Zivilbevölkerung muss in dieser Art Kriegführung einen entsetzlich hohen Preis zahlen. Den Bewohnern von Donetsk und Luhansk wird es mittlerweile beinahe egal sein, wer sie regiert, wenn sie nur endlich wieder Strom, Wasser, Brot und Frieden und Sicherheit bekommen könnten.

Nur gerade das wird mit dieser russischen Taktik auf absehbare Zeit nur noch schlimmer, ja es ist zu befürchten, dass mit dem sich nun abzeichnenden Hin- und Her viele Dörfer und Stadtviertel regelrecht vom Krieg verwüstet werden. Man braucht jetzt nicht das Bild von Homs oder Aleppo an die Wand zu malen, aber schön wird das alles nicht aussehen, was am Ende übrig bleibt.

Nur: Warum? Ich sehe die russische Politik in einem Dilemma. Einen großangelegten Entscheidungskrieg gegen die Ukraine kann sich Moskau diplomatisch nicht leisten. Der Westen müsste reagieren und würde Sanktionen verhängen, die wirklich weh tun und die Zukunft des Landes und seiner Führung gefährden.

Auch militärisch ist es für so einen Feldzug eigentlich zu spät. Die ukrainische Armee hat die Phase der kompletten Demobilisierung und Desorganisation überwunden. Sie ist immer noch kein Schmuckstück, aber das ist die Armee Russlands auch nicht. Für einen Überfall ist es definitiv zu spät, der Krieg hätte einen ziemlich ungewissen Ausgang, gerade auch weil nicht klar ist, wie stark die Unterstützung der Ukraine durch den Westen dann ausfallen würde.

Auf der anderen Seite darf die Ukraine aber nicht gewinnen, sie darf die Krise im Osten nicht militärisch entscheiden. Hier haben sich die Russen ganz offensichtlich verkalkuliert. Sie haben die ukrainische Armee unterschätzt, die Freiwilligenbatallione auch - und gleichzeitig die prorussischen Kräfte überschätzt. Vor allem was die Unterstützung aus der Bevölkerung angeht.

Tatsächlich gibt es weder die erhofften Hundert- ja Tausendschaften junger kampfwilliger Männer, die sich freiwillig melden, ihren Donbass zurück zu Mütterchen Russland zu führen. Es gibt auch keine Zivilisten, die sich (wie noch in den ersten Kriegstagen) bereit finden, der ukrainischen Armee entgegenzustellen, und ihren Vormarsch zu stoppen. Stattdessen hört man Berichte wie froh Bewohner z. B. von Mariupol oder Slawiansk sind, wenn der Alptraum der Rebellenherrschaft endlich aufhört.

Da half selbst der Einsatz irregulärer Freiwilligenverbände wie des Vostok-Bataillons nichts mehr, die Rebellen waren auf der Verliererstraße, verloren den Rückhalt in der Bevölkerung und mussten vor der Entschlossenheit der ukrainischen Verbände kapitulieren. Sie brauchten immer mehr: Erst Geld, dann Versorgungsgüter, dann Waffen, dann Artillerieuntertützung und Luftabwehr, nun scheint es ohne "boots on the ground" kein Halten mehr zu geben.

Warum gibt Moskau ihnen alles, was sie brauchen? Ein militärischer Sieg der Ukraine wäre nicht nur eine Niederlage Putins. Es wäre auch das Ende der "Föderalisierung" der Ukraine, mit der er den Nachbarn an seinem Westdrift hindern will, und langfristig schwächen und an Russlands Wohlwollen binden möchte. Es ist aber vor allem die Krimfrage, die den Kreml wohl umtreibt.

Denn (Sigmar Gabriel sagte das ganz offen) so könnte ja die Lösung aussehen: Die Ukraine akzeptiert eine Föderalisierung und verzichtet auf die Krim, und Moskau knipst den Rebellen in Luhansk und Donetsk die lebenserhaltenden Maschinen aus. Und schon ist der Krieg in wenigen Wochen vorbei.

Abgesehen davon, was davon zu halten ist, dass der deutsche Vizekanzler sich zum Sprecher Putins in Europa macht, kann die Ukraine das nicht akzeptieren. Sie würde damit die Annexion eines Teils ihres Staatsgebietes akzeptieren, die gewaltsam, völkerrechtswidrig und hinterhältig durchgeführt wurde. Und gerade wegen des Schicksals der "Autonomen Region Krim" hat die Ukraine kein Interesse an einer Föderalisierung nach russischer Lesart, nämlich mit weitgehender Autonomie der einzelnen Teile mit der immanenten Gefahr weiterer Abspaltungen.

Aber gerade darin liegt die Gefahr eines militärischen Erfolges der Ukraine: wer garantiert dafür, dass im Falle eines klaren und berauschenden Sieges die ukrainischen Panzer nicht weiter in Richtung Krim rollen? Man könnte es ihnen ja nicht einmal wirklich übel nehmen, handelt es sich doch um völkerrechtlich eindeutig ukrainischen Boden. Doch dann wäre der Kriegsgeist wohl endgültig aus der Flasche (die jetzt zwar undicht scheint, aber der Korken ist ja noch drauf).

Putin hätte große Mühe die Krim zu verteidigen. Natürlich hat er dort einiges an Mannschaften, und er hat die Schwarzmeerflotte. Doch schon jetzt zu Friedenszeiten scheitert Russland dabei, die Krim über die Straße von Kerch vernünftig zu versorgen, Wartezeiten von 24h auf die Fähre sind keine Seltenheit. Ohne Nachschub aber ist sowohl die Flotte als auch die Armee am Boden nur ein paar Tage oder Wochen gut. Dann wird es kompliziert.

Putin könnte seine Krim nur halten, wenn er eine raumgreifende Offensive in das Hinterland starten würde, mit dem Ziel, die Versorgungslinien über die Brücken und Straßen zur Halbinsel voll unter Kontrolle zu bringen. Das wäre dann die wirklich echte Invasion vor der alle Angst haben. Mit schwer abzusehenden Folgen für alle Beteiligten.

Diese gilt es weiter abzuwenden. Deshalb soll der ukrainischen Armee das Siegen schwer gemacht werden, und weil das den desolaten Rebellen nicht gelingt, müssen nun russische Verbände, die sich irrtümlich oder urlaubshalber auf ukrainischem Gebiet befinden, den völligen Zusammenbruch von DNR und LNR zumindest herauszögern.

Mit erheblichen Opfern. Auf der eigenen Seite, wie die Gräber von Pskov zeigen, auf ukrainischer Seite, wie die Verluste gerade des Donbas-Bataillons in Ilovaisk zeigen, aber vor allem auch auf Seiten der Zivilisten, die nichts mehr ersehnen als ein baldiges Ende der Kämpfe. Doch das scheint ferne.

Heidelbaer

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