Dienstag, August 19, 2014

Raum für Spekulationen

Rollt er nun schon oder rollt er nicht? Erwartungsgemäß zieht sich die Geschichte um den russischen Hilfskonvoi ziemlich in die Länge. Denn von Anfang an erschien die Geschichte dubios, und spätestens als einzelne Reporter einen Blick in zum Teil gähnend leere Laderäume der LKW werfen durften ist im wörtlichen Sinne viel leerer Raum für Spekulationen vorhanden. Was genau will Russland eigentlich mit diesem Konvoi?

  1. Die erste Vermutung war: Waffen schmuggeln. Das ist nicht ohne Beispiel, das belagerte jüdische Viertel in Jerusalem wurde während des Unabhängigkeitskrieges auch über humanitäre Hilfskonvois mit Waffen und Munition versorgt. Die leeren Ladeflächen könnten ein Hinweis dafür sein, dass ursprünglich noch einiges an Beiladung geplant war, was nun fehlt, weil kontrolliert wird. Soll es später (womöglich auf ukrainischem Boden) nachgeladen werden, oder hat man diese Pläne ganz fallen gelassen? Raum für Spekulationen.
  2. Die nächste Idee: Das Ziel des Konvois ist in Wirklicheit der sichere RÜCK-Transport von russischen Söldnern womöglich regulären Einheiten aus den umzingelten Städten. Deshalb komme es auf die Hin-Fracht nicht wirklich an. Es gehe nur darum, die Landsleute vor einer in jeder Hinsicht peinlichen Festnahme nach einer möglichen Kapitulation der Separatisten rechtzeitig außer Landes zu bringen. Aber gibt es wirklich die Gewähr, dass niemand in die Laster guckt, wenn die zurückfahren? Interessant, aber ziemlich unwahrscheinlich.
  3. Ebenso konnte man lesen, dass der Konvoi einen Zwischenfall provozieren sollte, der Moskau einen Vorwand zum militärischen Eingreifen, einer regulären Invasion in der Ukraine geben sollte. Man fragt sich allerdings ob Russland wirklich einen Vorwand bräuchte, und ob ein Problem mit dem Konvoi umgekehrt vom Westen als Interventionsgrund anerkannt würde. Das scheint mir beides zweifelhaft. Vielmehr vermute ich, dass Moskau nicht intervenieren will, sondern permanent Möglichkeiten austestet, was alles unterhalb der Schwelle einer regulären Militäroperation alles möglich ist.
  4. Wahrscheinlicher ist ein anderer Plan: Der Konvoi soll eine Feuerpause erzwingen. Die Russische Seite fordert diese Waffenruhe für diesen Konvoi mit Nachdruck. Diese Feuerpause würde derzeit vor allem den Rebellen nutzen, die aktuell erheblich in Bedrängnis geraten sind. Diese Feuerpause könnte sehr wohl genutzt werden, Mannschaften und Material zu verschieben, auch ohne dass sie direkt Teil des Konvois wären. Würden diese Bewegungen beschossen, könnte man lautstark den Bruch der Feuerpause beklagen, selbst wenn der Grenzübertritt bewaffneter Einheiten auch nicht gerade im Sinne eines Waffenstillstandes ist. Aber Propaganda hat ihre eigenen Gesetze, und damit zum letzten Punkt:
  5. Meine favorisierte Spekulation: Es geht vor allem um Propaganda (dabei ist ein halbleerer LKW allerdings ein Eigentor). Dennoch geht die Rechnung im entscheidenden Punkt auf: Die Russische Seite wird nicht müde zu behaupten, die Kiever Regierung (gerne als eine Junta aus lauter Faschisten bezeichnet) betreibe einen Krieg gegen ihre eigene russischsprachige Bevölkerung. Mit dem Konvoi wird gleich ein doppeltes Ziel erreicht: Die Zivilbevölkerung wird als notleidendes Opfer der ukrainischen Militäraktion in Szene gesetzt. Ohne Hilfe von außen würden sie verhungern. Russische Seelen werden sich an den Hungergenozid der Wehrmacht gegen die Stadt St. Petersburg/Leningrad erinnern, zumal die Parallelen zwischen den Kiewer Faschisten und dem Angriff der Wehrmacht permanent gezogen werden. Und oben drauf: Moskau inszeniert sich selber als "Kümmerer" der russischen Minderheit im Donbass. Ohne uns wäre sie dem Völkermord der ukrainischen Nationalisten hilf- und wehrlos ausgeliefert.
Gehen wir davon aus, dass das letzte zutrifft, sieht man allein an der Tatsache dass Kiew sich genötigt sieht, einen eigenen Konvoi zusammenzustellen, wie erfolgreich dieser Schachzug war. Denn damit geben sie ja indirekt zu, dass die Not in den eingekreisten Städten mittlerweile groß ist. Dass dieser Konvoi aber eben erst als Reaktion auf die russischen Laster eilig improvisiert wurde gibt den Bedenken der russischsprachige Ukrainer Auftrieb, dass sich ihre Regierung um ihre Not nur kümmere, wenn sie von außen dazu unter Druck gesetzt würde. Hierzu sind der Kiewer Regierung sicherlich peinliche Fragen zu stellen - was die freie ukrainische Presse auch tut.

Letztlich ist der Propagandakrieg aber für Russland derzeit nur in ihrem Sprachraum zu gewinnen, international zählt dieser Erfolg nur mäßig. Entscheidender könnte daher tatsächlich 4. werden, ob in einer erzwungenen Feuerpause die miltiärischen Gewichte noch einmal so verschoben werden können, dass die Kapitulation der selbsternannten Republiken Donetsks und Lugansk noch aufgeschoben werden kann.

Heidelbaer

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