Freitag, September 19, 2014

IS und der Islam

Es ist alles wie bei Al-Qaida, nur noch viel schlimmer. Das ist eigentlich die Zusammenfassung von IS in einem Satz. Und das gilt auch für die Verhältnisbestimmung Islam und selbsterklärter "Islamischer Staat". Denn schon allein dass er sich nicht als NGO definiert, wie Al-Qaida, sondern dass er Staat zu sein in Anspruch nimmt, und keine andere Bezeichnung als "islamisch" für sich gelten lässt, gerät jeder in Erklärungsnot, der sich zum Islam bekennt, aber nicht zu diesem Staat.

"Der islamische Staat ist gar nicht islamisch" das ist die Standardaussage besorgter Muslime, die mitansehen müssen, wie im Namen ihrer Religion die abscheulichsten Verbrechen begangen und weltöffentlich regelrecht vermarktet werden. Enthauptungen, Massaker, Vergewaltigungen, Vertreibungen, Folter und Erpressung. Alles unter dem Label: "Islamischer Staat".

Doch die Distanzierungen helfen nicht weiter. Denn so sehr die Aussagen von Muslimen ganz und gar vertrauenswürdig sind, wenn sie sagen: "mein Islam ist das nicht" - dann bleibt es eben doch im Persönlichen stecken, denn "der Islam" ist eine Konstruktion, die es so nicht gibt.

So können natürlich Vertreter der muslimischen Gemeinden, Imame, Hodschas und Gelehrte Fatawa erlassen, die den IS für "haram" erklären, und damit mehr als nur eine persönliche Meinung formulieren. Aber die Gültigkeit solcher Rechtsgutachten hängt maßgeblich davon ab, ob man den betreffenden Herausgeber auch als Autorität akzpeptiert.

Und damit ist es eben doch dem Ermessen eines jeden einzelnen Muslims anheimgestellt, ob er sich von diesen Leuten seinen Islam erklären lässt, oder eben von dem coolen Djihad-Prediger in der Moschee um die Ecke. Der wird schnell mal über die Verbandsfunktionäre und Staatstheologen den Takfir aussprechen, und schon sind ihre Rechtsgutachten Konfetti.

Mit einem aus dem us-amerikanischen Bibelfundamentalismus entlehntem Konzept völlig aus dem Zusammenhang zitierter "Totschlagargumente" (selten war der Begriff so passend) lassen sie ihre Theorien als die einzig koranisch legitimen erscheinen, alle anderen sind Irrlehrer, Ungläubige, Verräter am Islam und seines Propheten.

Ihre Wirkung gerade auf junge Muslime, Männer, aber zunehmend auch Frauen, ist enorm. Die altersbedingte Skepsis gebenüber grauhaarigen Männern, die klare Unterscheidung in Gut und Böse, die gekonnte Nutzung "junger" Medien wie YouTube, Facebook und Co. - das alles kommt unheimlich gut an.

Ganz wesentlich für den Autoriätsverlust ist aber auch die Inkonsequenz der Redeführer des Islam in der Welt. Denn es gibt ja islamische Staaten. Doch sie sind gerade eben nicht Musterbilder eines humanen, womöglich humanistischen Islam. Im Gegenteil: Sie alle spielen mit dem Feuer der durch die islamische Religion legitimierten Gewalt.

Saudi-Arabien enthauptet schon seit Jahr und Tag öffentlich Delinquenten, die nach wahabitischer Scharia-Auslegung den Tod verdient haben. Mit welchen grundsätzlichen Argumenten wollen sie jungen Muslimen erklären, der IS dürfe das aber nicht?

Iran unterstützt mit Hisbollah eine Terrorgruppe, die das Sterben im bewaffneten Kampf als Martyrium mit himmlischen Belohnungen preist. Aber wenn Sunniten das für sich in Anspruch nehmen, ist es Häresie?

Katar unterstützt Hamas, die den Gazastreifen mit Mafia-Methoden kontrolliert, den ganzen Staat Israel auslöschen will und eigene Zivilisten als Schutzschilde, fremde Zivilisten als Primärziel verwendet. Woher soll die Glaubwürdigkeit kommen, wenn man nun dieselben Methoden bei einer anderen Organisation für "haram" erklärt?

Und schließlich die Türkei. Auch hier wurde mit politischem Islam Staat gemacht, wird hemmungslos die anti-israelische und anti-amerikanische Karte gespielt. Aber muss dann nicht der IS als derjenige erscheinen, der diesen Feind wirklich mutig und konsequent bekämpft?

Hinzu kommt eine tiefe Krise der islamischen Gelehrsamkeit. Ist sie wirklich in der Lage, der blutrünstigen Terror-Ideologie der ISIS eine im Koran verwurzelte und gleichzeitig dem Menschen verpflichtete Theologie entgegenzusetzen? In einem früheren Artikel habe ich schon das Fehlen jeglicher Autorität im Islam angesprochen.

Es gibt keinen Papst, kein Oberhaupt der Muslime weltweit, es gibt aber auch in den einzelnen Fraktionen und Verbänden kaum Strukturen, die eine wie auch immer geartete Verbindlichkeit in Lehrfragen ermöglichen. Und da, wo sie existieren, wie zum Beispiel im schiitischen Iran, gerade da ergeht sich die hohe Geistlichkeit der Ayatollahs in Hasspredigt und Verschwörungstheorien.

Auch wenn man sich in die Rolle eines deutschsprachigen Muslims begiebt, und eine Fatwa zu IS sucht, landet womöglich auf islamfatwa.de. Auch dort wird der IS pflichtschuldig verdammt, aber wenn man sich in die Begründung einliest, findet man, dass IS: "die Schönheit des Islams beschmutzt hat und welches einen Weg ermöglichte, der dazu führte, dass die Kuffaar die Kontrolle über die Muslime bekamen."

Das ist also das Problem. Weil Terror zu westlichen Interventionen führt, die den Ungläubigen (also christlichen Amerikanern?) die Kontrolle über Muslime ermöglicht, ist Terror haram. Das Problem von IS ist also gar nicht ihre Halsabschneiderei, sondern ihre Erfolglosigkeit, einen islamischen Staat zu errichten, der den USA gewachsen ist?

Nein, da kommt noch ein Originalzitat vom Propheten selbst: "Sie töten die
Muslime und lassen die Muschrikiin (Götzendiener) leben". Nun wissen wir es, die Halsabschneiderei von Muslimen ist das Problem, und das Leben-Lassen der Ungläubigen. Wir wissen nicht ob Foley, Sotloff und Haines wirklich Götzen angebetet haben, aber Hallo? Geht's noch?

Nun ist dieser Schaykh Abdullah al-'Adani ein Vertreter des Salafismus, aber keineswegs ein Sektierer, sondern studierter Rechtsgelehrter, Schüler des 2001 verstorbenen Muhammad ibn al-Uthaymin, eines prominenten Theologieprofessors der Ibn Saud Universität und Mitglied der Ulama als Religions- und Rechtsberater der saudischen Regierung, immerhin Wächterin über die Heiligen Stätten Mekka und Medina.

Es ist schon die Frage, ob man so eine Fatwa unter der Überschrift: "Rechtsgelehrter erklärt IS für haram" noch feiern kann, wenn in der Begründung das Töten von Ungläubigen explizit als geboten erklärt wird, und nur der Tod von Muslimen und die militärischen Konsequenzen als problematisch angesehen werden.

Auch für die Muslime wird es immer schwieriger "ihren Islam" zu formulieren, und nach innen wie nach außen zu vertreten. Wo gibt es eine anerkannte Rechtsschule, die einen menschenfreundlichen, toleranten Islam wirklich lehrt und dafür Universitäten, Professoren, Sheikhs, Imame und staatlich akkreditierte Religionsberater hat?

Oder wenigstens eine basisorganisierte Graswurzelbewegung, die die solcherlei Gelehrsamkeit ihre Fatawa um die Ohren haut, und gemeinschaftlich Druck auf ihre Repräsentanten ausübt, der religiös legitimierten Gewalt öffentlich und unmissverständlich abzuschwören?

Derzeit ist beides, der Druck von unten, und die Gelehrsamkeit und islamische Staatlichkeit oben fest in den Händen derer, die Gewalt und Terror zumindest unter bestimmten Bedingungen für nicht nur legitim, sondern sogar für gottgeboten halten. Spätestens in der Palästina-Frage kommt es zum Schwur. Den Terror gegen Israel findet eigentlich niemand haram.

Oder habe ich etwas übersehen? Dann gerne kommentieren!

Heidelbaer




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