Mittwoch, September 24, 2014

Makaberes Metzeln - um die Wette

Mit der öffentlich zelebrierten Enthauptung von Hervé Gourdel, einem friedlichen Bergführer aus Frankreich, der bekannt für seinen guten Kontakt und respektvollen Umgang mit Einheimischen war, ist eine neue Qualität des Kampfes gegen den militanten Islamismus erreicht. Bislang hat man den IS für eine widerwärtige Entartung eines ohnehin besonders abscheulichen Zweiges islamistischer Terrorbanden gehalten.

Man redete sich ein: So schlimm, so übel, so grausam, gewissenlos und blutrünstig ist nur dieser IS, und der ist es auch nur, weil im (die USA sind ja irgendwie dran schuld, weil sie angegriffen haben) Irak alles drunter und drüber geht, und weil in Syrien Assad (die USA sind auch irgendwie daran schuld, weil sie nicht angegriffen haben) ungehindert massenmordet, wie einst Sadam Hussein. Mit Giftgas, mit entvölkernden Angriffen auf Stadtviertel, Dörfer, Regionen.

In so einem verrohenden Umfeld, setzen sich ja doch nur die allerbrutalsten und kompromisslosesten Gewalttäter durch, und da haben wir ihn, den IS. Schon die Muslime der Nachbarländer, Sunniten wie die Täter, wenden sich von seiner Grausamkeit ab, treten der Koalition gegen diesen Wahnsinn ein, und kämpfen aktiv gegen seine Ausbreitung, ja versuchen ihn zurückzubomben in die Bedeutungslosigkeit ein paar weniger Irrer.

Diese Scheinwelt ist heute wie ein Kartenhaus zusammengefallen. Keineswegs wenden sich alle Muslime schaudernd vor diesem entfesselten Hass ab. Im Gegenteil das Köpfe-Abschneiden macht offensichtlich Schule. Jetzt in Algerien, morgen vielleicht schon auf den Philippinen (oder können sich Abu Sayyaf jetzt leisten, als Weicheier dazustehen, weil sie einen deutschen Arzt mit seiner Segelbegleitung einfach leben lassen?). Und in Istanbul demonstrieren Türken ihre Sympathie für den IS, auf dem Taksim Platz, ohne Polizeieinsatz.

Was übermorgen sein wird, wissen wir noch nicht, Pläne für eine Art Flashmob im Blutrausch auf Straßen westlicher Großstädte scheint es ja schon gegeben zu haben, jedenfalls hat die australische Polizei so einen Komplott auffliegen lassen. Und Boko Haram hat wahrlich einen Ruf zu verlieren, als menschenverachtendste Terrorbande sind sie eigentlich in der Pflicht nachzulegen und überlegen mit Sicherheit schon wie.

Weitere Brennpunkte ließen sich mühelos aufzählen: Tschetschenien, Somalia, Zentralafrika, Afghanistan, Pakistan, Indonesien, Sudan, Palästina: Wenn es ein Wettmetzeln um die größte Schockwirkung geht, stehen die Kandidaten Schlange. Eine Reality-Freakshow der makabersten Sorte, und die Klicks auf YouTube, die Weltöffentlichkeit in ihrem fassungslosen Entsetzen sind die Jury für den Erfolg als terroristisches Supertalent.

Die Militäraktion im Irak ist alternativ- und gleichzeitig hilflos. Man kann die Verzweiflung Obamas förmlich spüren. Gerade er, mit dem Friedensnobelpreis dekoriert, mit seinem ernsthaften Bemühen, den unseligen und mit dreisten Lügen legitimierten Irakkrieg zu beenden. Gerade er, der auch beim Überschreiten leuchtend roter Linien keinen Angriff befehlen wollte und indirekt das Überleben eines Diktators sicherte, der seine eigene Bevölkerung gewissenlos vergaste. Gerade er muss jetzt in diesen Krieg eingreifen, von dem er weiß, dass er zu diesem Zeitpunkt keine Chancen mehr hat, ihn zu gewinnen.

Und nur einen Kopf der Hydra kriegt man damit abgeschlagen, doch will man danach auch Militäraktionen in Afghanistan ausweiten, in Algerien, in den Philippinen in Nigeria und Zentralafrika, in Indonesien und Transkaukasus? Wenn IS mit seinem System Schule macht, einzelne Bürger westlicher Staatenöffentlich zu schächten, und zwar gerade die, die als Reporter, Helfer oder Bergführer die Nähe zu den Menschen suchen - wie kann man diesen Terror verhindern?

So verrückt das klingt: Gerade jetzt muss über Maßnahmen jenseits des Horizontes von Gewalt und Militär nachgedacht werden. Und da tut sich die noch größere Schlucht namenlosen Schreckens auf: Es fehlen die Partner. Man kann Leute wie Assad, Sisi und die Golfkönige und Fürsten schon in eine Koalition des Bombardierens gewinnen, womöglich sogar auch Erdogan. Aber niemals werden diese Potentaten einen Weg mitgehen, der versucht, aus dem Teufelskreis aus Terror und Militärgewalt auszusteigen, und in einen Dialog einzutreten.

Es gibt eigentlich nur eine Hoffnung: Dass die Masse der Muslime, die einfach nur Menschen sein wollen und als Menschen mit ihren Mitmenschen friedlich leben wollen, dass diese Masse aufhört zu schweigen. Dass sie aufhört sich von ihren sogenannten Interessenvertretern zum Opfer gleichzeitig der islamistischen Gewalt und der westlichen Gegengewalt stilisieren zu lassen - und gerade dadurch in ihrer vermeintlichen Ohnmacht und ihrem Nichtstun regelrecht einbetoniert wird.

Es reicht nicht mehr, ein paar Selfies mit Pappschild zu machen. Der Widerstand gegen den Wahnsinn braucht Strukturen, braucht Gelder, braucht kluge Köpfe, braucht Zeit und Energie. Die Feindschaft aus Familienpatriarchen, Imamen, Regierungsvertretern und Interessenverbänden ist ihnen sicher, und sie wird vor Hass und Gewalt nicht zurückschrecken. Statt zu behaupten: Der Islam ist gar nicht so müssen sie akzeptieren, dass der Islam in der schlimmsten Krise seines Bestehens ist.

Nur die Muslime selbst können diesem mörderischen Spektakel ein Ende setzen, nur sie können den Kopfabschneidern in den Arm fallen. Und dass diejenigen, die das von Herzen wollen keinerlei Chancen haben, das zu tun, weil es zuviele andere gibt, die das gutheißen, und dass es diejenigen sind, die die Waffen, die Macht und das Geld haben - das zeigt das Ausmaß der Katastrophe.

Heidelbaer


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