Freitag, September 05, 2014

Ukraine siegt - und alle behaupten das Gegenteil.

Eigentlich muss man nur auf die Karte gucken. Wenn man sich vor Augen hält, was die prorussischen Rebellen mit ihren "Novorussia"-Phantasien unterwerfen wollten, dann ist das fast die halbe Ukraine, auf jeden Fall die gesamte Schwarzmeerküste bis zum Anschluss an Transnistrien, selbstverständlich mit Odessa als wichtigster Hafenstadt. Und im Norden entlang der gesamten russischen Grenze, einschließlich Dnjepropetrovsk.

Und was haben sie erreicht? Weder Odessa noch Dnjepropetrovsk haben sie überhaupt von weitem gesehen. Aus ehemaligen Hochburgen wie Mariupol und Slaviansk wurden sie vertrieben, und niemand dort wünscht sie sich zurück. Und am Ende schienen auch ihre letzten Fluchtburgen Lugansk und Donetsk kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen. Statt der halben Ukraine haben sie nicht einmal einen ganzen Oblast unter Kontrolle bringen können.

Der Plan, die russophone Bevölkerung wie ein Mann gegen die "Kiewer Faschisten Junta" aufstehen zu lassen, scheiterte erbärmlich, und Putin musste das tun, was er unbedingt vermeiden wollte: nämlich reguläre Truppen in den Kampf schicken, um seinen Schoßhündchen von der selbsterklärten DNR und LNR den Allerwertesten zu retten.

Ein Sieg sieht anders aus. Auch wenn eingeräumt werden muss, dass dieser letzte Trumpf durchaus gestochen hat, die Verluste der ukrainischen Truppen und Freiwilligenverbände durch die russische Invasion in ihren Rücken waren fürchterlich, der Beschuss eines Evakuierungskonvois aus Ilovaisk, dem man sicheren Abzug zugesagt hatte, ein Kriegsverbrechen.

Der Waffenstillstand kam zustande, weil Kiew gegen Russland keinen Krieg führen kann, und Russland gegen Kiew nicht (mehr) Krieg führen wollte. Und das ist, sehr wohl, ein Erfolg des Westens. Es ist zuerst ein Erfolg der tapferen Ukrainer, die ihr Land gegen die russischen Agenten, die Kriminellen und Verbrecher, Hasardeure und Desperados von den selbsternannten Volksrepubliken verteidigt hat. Das hat den Russen den Spaß verdorben. Einen Invasionskrieg gegen eine mobilisierte Armee und eine zusammengeschweißte Bevölkerung zu führen hätte auch die beste Propagandamaschine nicht mehr camouflieren können.

Es ist (erst in zweiter Linie) ein Erfolg der Sanktionspolitik. Die Kosten wurden zu hoch. Putin braucht trotz erfolgreicher Gleischschaltungspolitik immer noch die Rückendeckung seiner Oligarchen. Und bei aller Welle nationalistischer Begeisterung im Volk: für bestimmte Leute wurde dieser Abenteuerspielplatz langsam aber sicher richtig teuer. Zu teuer, um sehenden Auges immer weitere Umdrehungen der finanziellen Daumenschrauben in Kauf zu nehmen. Ein Marsch nach Kiew wäre vielleicht militärisch zu gewinnen, aber am Ende nicht zu bezahlen gewesen.

Die letzte Offensive der Russen war also nicht die befürchtete "full-scale invasion", nicht der Marsch nach Kiew oder Odessa. Es war der verzweifelte letzte Versuch, noch einen Waffenstillstand der Gesichtswahrung zu schließen, bevor man einen Krieg führen muss, den man nicht will, oder einen Zusammenbruch akzeptieren muss, der eine politisch lebensgefährliche Niederlage darstellt.

Es war klug, diesen Waffenstillstand anzunehmen, weil man Verzweifelten nicht die letzte Hoffnung nehmen darf, sonst sind sie zu allem fähig. Und die Ukraine sollte ihren Sieg dennoch feiern, und nicht schlecht reden (lassen). Natürlich fängt die Arbeit jetzt erst richtig an. Aber der Verzicht auf eine militärische Lösung öffnet die Tür zu einer politischen. Jetzt gerade sind OSZE, NATO und EU gefragt, ihren Worten Taten folgen zu lassen.

Damit aus einem schwachen Waffenstillstand ein starker Friede wird.
Heidelbaer

Keine Kommentare: