Dienstag, Oktober 28, 2014

Die Reformation für den Islam? Nein!

Immer wieder liest man die Forderung: Der Islam brauche endlich so etwas wie eine Reformation. Einen Luther. Einen "Imam der 95 Thesen" wie ihn Jochen Bittner für die ZEIT jüngst herbeisehnte. Rechtzeitig zum Reformationstag möchte ich als evangelischer Theologe das nötige Wort sagen: Nein.

Natürlich gibt es im Islam so etwas wie Reformbedarf. Und das ist noch vorsichtig ausgedrückt. Er steckt womöglich in der tiefsten Krise seines Bestehens. Der Islamismus hat die gesamte islamische Welt infiziert, es gibt keinen Winkel seiner weltweiten Ausbreitung, in der nicht irgendein Prediger den Himmel auf Erden predigte: die wortwörtliche Anwendung des Korans und der Scharia in Politik Gesellschaft und Wirtschaft.

Nur: wenn es eine reformatorische Bewegung im Islam gibt, dann ist es genau diese: Der Salafismus, Islamismus oder wie immer man diese Pest bezeichnen will. Wenn Cheryl Bernard in ihrem Beitrag zu The National Interest hofft, der Islamische Staat würde der Welt vielleicht das kostbarste Geschenk bescheren, nämlich eine islamische Reformation liegt sie falsch. Der Islamische Staat ist die Reformation.

Fünf Gründe:
  1. Sola Scriptura: Das Schriftprinzip der Reformation ist dem Islam eigentlich fremd. Das klingt absurd, weil der Koran als Heilige Schrift zum Islam gehört wie der Bart zum Propheten. Aber der Koran als Heilige Schrift wurde verehrt, angebetet, gesungen und gezeichnet. Aber nicht verstanden. Die Form wurde wichtiger als der Inhalt, vielleicht am deutlichsten an der für den Islam typischen Kalligraphie zu erkennen. Selbst arabische native speaker können sie nicht ohne Hilfe entziffern, aber sie sehen zweifellos schön aus. Dem Salafismus geht es nicht um Schönheit, nicht um die Blumen des Koran. Sondern um den Inhalt: Dass nämlich der Koran von allen verstehbares Wort Gottes sei, dass keiner kunstvollen Gestaltung, keines liturgischen Vortrages und keinerlei Auslegungskunst bedarf. Er sei verständlich, widerspruchsfrei, irrtumslos und unmittelbar anwendbar. Kommt das nicht bekannt vor?
  2. Übersetzung: Es ist unzweifelhaft eine der größten Leistungen Luthers und der Reformation, dass die ganze Bibel aus dem Urtext ins Deutsche übersetzt wurde. Damit wurde eine christliche Tradition wiederbelebt. Das Übersetzen gehört zum Christentum dazu. Nicht zum Islam: Der Koran als heilige Schrift ist unübersetzbar, weil jede Übersetzung Veränderung ist, menschliche Bemächtigung des Inhalts. Das ist eigentlich tabu. Die "Lies!" Bewegung vom Salafisten Ibrahim Abou-Nagie, ignoriert das bewusst und verteilt Koranübersetzungen in Fußgängerzonen. Die Aktion erinnert in grotesker Weise an evangelikal-christlicher Kreise wie den Gideons. Aber wer den Koran für alle verständlich haben will, braucht Übersetzungen, damit auch Deutsche, Türken, Indonesier und Amerikaner Gott in ihrer Muttersprache zu sich sprechen hören. Abou Nagie kann sich als islamischer Luther fühlen. 
  3.  Mediennutzung: Völlig zu Recht wird immer wieder die Bedeutung des Buchdrucks für die Reformation betont. Es genügt nicht nur, das Schriftprinzip hochzuhalten und die Schrift durch Übersetzung verständlich zu machen, man muss auch eine Form der Verbreitung finden. Insofern ist Abou Nagies Bücherverteilung beinahe anachronistisch in ihrer Gestrigkeit. Denn der Salafismus verbreitet sich vor allem über das Internet. Prediger wie Pierre Vogel (die im Grunde nur eine kleine Minderheit deutscher Konvertiten bedienen) haben Tausende Follower auf Youtube, die Netzwerke der Salafisten in arabischer oder anderen Sprachen des islamischen Raumes summen nur so vor Aktivität. Ähnlich wie die Reformation stellt der salafistische Islam die traditionellen Lehrer der Religion stets vor vollendete Tatsachen. Ihre Schüler wissen es bereits besser.
  4. Widerstand gegen die Tradition: Wir im Westen nehmen den Salafismus immer nur als feindlich unseren westlichen Werten gegenüber war. Aber umgekehrt ist das nicht so. Die Salafisten stehen ursprünglich für eine Opposition gegen den traditionellen, unpolitischen Islam. Jenes Islams, der sich mit den korrupten Machthabern arrangierte, der seine revolutionäre Botschaft verschwieg, und das Volk für dumm verkaufte. Weil er ihm alles Mögliche erzählte, nur nicht das, was in Koran und Hadithen stand. Der Salafismus ist zunächst feindlich gegenüber aller islamischen Gelehrsamkeit, er ist der Horror der Dozenten an Al-Azhar, kaum einer seiner Vordenker hat jemals wirklich Theologie studiert. 
  5. Demokratisierung der Religion: Natürlich gilt Salafismus als undemokratisch, er predigt doch ein barbarisch autoritäres Kalifat und keine westliche Demokratie. Aber gerade dieser Salafismus nutzt das reformatorische Prinzip der Demokratisierung des Religiösen. Das war Luthers Traum, dass jeder Bauer es besser wissen konnte, als irgendein Priester oder Mönch, einfach, weil er in seine Bibel gucken konnte. Sein Erfolg war auch deshalb so epochal, weil seine Reformation zu einem Zeitpunkt begann, als das Bildungsniveau des katholischen Klerus' ziemlich am Boden lag. Ähnliches kennen wir aus dem Islam heute: Die Ausbildung der Imame und Hodschas ist flächendeckend einfach unterirdisch. Man hat das hinter vorgehaltener Hand selbst bei den wohlmeinendsten Dialogexperten schon immer gesagt: Ein Problem sei, dass selbst ein Dorfpastor in Deutschland besser über den Koran(!) bescheid wusste als der Imam in der nahegelegenen Stadt. Wie soll der sich theologisch gegen im Internet belesene Fundamentalisten durchsetzen können? Selbst an renommierten Universitäten gelingt es den Salafisten regelmäßig, die Dozenten an die Wand zu diskutieren. Man darf sich durchaus an die Erfolge Luthers und seiner Mitstreiter in den großen Disputationen erinnert fühlen.
Sehen wir der Tatsache ins Auge: Das Letzte, das wirklich Allerletzte, was der Islam derzeit brauchen kann, ist ein Luther, ein Imam der 95 Thesen.

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Nachtrag: Zu diesem Artikel gibt es jetzt einen zweiten und einen dritten Teil.

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