Dienstag, Oktober 07, 2014

Kobane fällt.

Eigentlich hätte man diesen Post auch schon vor Tagen veröffentlichen können, leider fehlte mir die Zeit zum Schreiben. Denn ein Blick auf die Karte reicht: Das kurdische Kobane auf syrischem Boden ist von IS umzingelt. Seine einzige Versorgungslinie führt nach Norden in die Türkei. Von dort werden aber keine Nachschublieferungen an Waffen, Munition und Kämpfern zugelassen. Also ist Kobane dem Untergang geweiht.

Es gibt nur eine Lösung. Kobane steht ungefähr da, wo Luhansk und Donetsk auch schon waren. Und dann wendete sich das Blatt, dank einer massiven russischen Bodenoffensive auf breiter Front. Die Türkei könnte Entsatz liefern, nicht nur mit Angriffen auf den IS in seinen Stellungen direkt um Kobane, sondern entlastend auch an anderen Abschnitten der langen Grenze.

Mit Hilfe der Luftschläge der Alliierten bräche der Belagerungsring schnell auseinander, und die Kurden könnten aufatmen. Ein absehbarer Völkermord vor den laufenden Kameras der Weltöffentlichkeit würde verhindert, man weiß doch mittlerweile, dass IS keine Gefangenen macht.

Warum passiert das nicht? Ich kann da auch nur raten, aber es gibt auch einige Hinweise. Eines scheint sicher: Trotz volltönender Bekenntnisse gegen IS ist die Türkei immer noch nicht aktiv in den Kampf gegen den IS eingetreten, und sie will es auch nicht.

  1. Die Geiseln. Schon früh hatte IS das türkische Konsulat von Mossul mit dutzenden von Erdogans Landsleuten in Geiselhaft genommen. Anders als andere nicht-ganz-so-rechtgläubige Muslime hat man ihnen weder die Kehle durchgeschnitten noch den Genickschuss verpasst. Das hätten sie ohne weiteres tun können, und genau das wusste man in Ankara. Also ging es darum einen politischen Preis auszuhandeln. Dieser Preis könnte Nichteinmischung bedeutet haben. Doch nun sind die Geiseln frei. Steht Erdogan einfach nur zu seinem Wort, gegenüber Terroristen und Halsabschneidern? Möglicherweise ja, wenn seine religiöse Gesinnung nicht nur opportunistische Maskerade ist, könnte er sich verpflichtet fühlen.
  2.  Das Mausoleum von Süleyman Shah. Dieser gilt als Vater von Osman I. und damit quasi als Großvater der Türkei. Sein Grab ist eine Exklave türkischen Hoheitsgebietes auf syrischem Boden. Auch sie ist von IS umzingelt und noch schlechter zu halten als Kobane. IS hält jeden Totenkult für unislamisch, das Mausoleum würde geschleift, die türkischen Wachmannschaften niedergemacht. Auch wenn so ein Angriff faktisch Artikel 5 der NATO Charta auslösen würde, ist er dem IS durchaus zuzutrauen. Und da Erdogan, so lassen es Äußerungen aus seinem Umfeld vermuten, gerne Restaurator des Osmanischen Reiches wäre, käme es einer persönlichen Niederlage gleich, wenn ausgerechnet unter seiner Regentschaft das Grab Süleyman Shahs  geschändet würde. In seinem patriarchalisch-religiösen Denken wäre es eine unauslöschliche Schande, wenn er das Grab seines eigenen (Groß)Vaters nicht verteidigen kann.
  3. Die Angst vor Terror. Rein praktisch ist auch die türkische Zivilbevölkerung fern der Kriegsschauplätze auf der Liste möglicher Geiseln des IS. Denn er hat Sympathisanten und wohl auch Schläferzellen in Erdogans Türkei. Eine direkte militärische Konfrontation könnte zu Anschlägen in der Türkei führen, die nicht nur zahllose Opfer fordern könnte. Auch Erdogans Bild als mächtiger Patriarch des Landes, der seinen Schutzbefohlenen zwar Freiheiten vorenthält, aber für Friede im Innern und Stärke nach außen sorgt (vergleiche nur Putin) bekäme erhebliche Risse, wenn verkohlte Leichenfetzen in Istanbuls Fußgängerzonen vom Straßenpflaster gepult werden müssen.
  4. Die klammheimliche Freundschaft. Man kann es noch so gerne wegwünschen, aber Erdogans politische Heimat ist der politische Islamismus. Er selbst träumt den "Islamischen Staat". Es ist bekannt, dass die Türkei zu einem Drehkreuz für Waffen, Nachschub, Training und Personal des IS geworden ist, die Ausmaße sind strittig, und keineswegs können damit andere Mäzene dieser Mörderbande entlastet werden (Qatar, Saudi-Arabien, usw.). Aber bei Erdogan kann man sich nie sicher sein, welche Zugeständnisse an den Westen für ihn nur notwendiges Übel darstellen, und wie weit seine islamistische Vision reichen würde, gäbe es nicht harte realpolitische Grenzen seiner Utopien.
  5. Der gemeinsame kurdische Feind. Da mag man noch so sehr von Blutsverwandtschaft der Turkvölker faseln, bei den Krimtataren ist sie vielleicht was wert, aber die Kurden mit ihrer Freiheitsliebe, ihrer Ablehnung von Kopftuch und Polit-Islam, ihrem Özalan-Kult und Separatismus: sie sind Erdogan ein Dorn im Auge. Im Irak mögen sie gern den Zerfall des mächtigen Nachbarn beschleunigen, aber zu übermütig dürfen sie nicht werden. Außerdem unterscheidet Ankara sehr genau, welche kurdischen Milizen wo auftreten. Während die irakischen Peschmerga schon immer von der Türkei toleriert, ja sogar als Gegengewicht zur PKK gefördert wurden, gilt die syrische YPG als Ableger von Öcalans Guerillatruppe und wird von Ankara nicht geliebt. Diese Kämpfer mit modernen, panzerbrechenden Waffen ausstatten, ihnen womöglich einen heroischen Sieg ermöglichen, kommt eigentlich nicht in Frage.
Damit ist faktisch das Schicksal von Kobane entschieden. Es wird fallen, wer nicht fliehen kann, wird sterben, ein weiteres Kapitel kurdischer Tragödien wird geschrieben werden, und wieder wird man im Nachhinein fragen: Wie konnte das passieren. Keiner kann sagen, man habe nichts gewusst, ein großes Medienaufgebot nur ein paar hundert Meter weiter hinter der Grenze dokumentiert jeden Schusswechsel, jeden Granateneinschlag. Minutiös wird gefilmt und interviewt, die Flüchtlinge, ihre Schicksale, die Luftschläge die den Vormarsch des IS nur bremsen, aber nicht aufhalten können. Alles ist allen bekannt.

Und nichts passiert, nichts wird passieren, wenn die Türkei nicht will. Warum sie nicht will, steht oben. Und doch könnte es eine Chance geben: Selbst IS akzeptiert realpolitische Grenzen, sonst wären die türkischen Geiseln tot und das Grab Süleymans Asche. Und auch Erdogan, so gern er in Osman I. Spuren träte, weiß um die Grenzen des Machbaren. Wenn der Westen Kobane retten will, muss er Erdogan ein Angebot machen, dass er nicht ablehnen kann. Und IS muss wissen, dass ein Angriff auf die Türkei die ganze NATO auf den Plan ruft.

Hinter den Kulissen dürften bereits Preise kursieren. Bekommt Erdogan Geld, Waffen, EU-Beitritt? Was will er haben? Kann man ihm noch drohen? Er weiß, dass die Zeit für ihn spielt, denn blamiert ist im Falle des Falles von Kobane mal wieder der Westen, die USA und Europa. Aber er sollte sein Blatt nicht überreizen.

Heidelbaer

Keine Kommentare: