Freitag, Oktober 31, 2014

Warum "Reformation" für den Islam der falsche Weg ist

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich versucht klarzustellen: Eine "Reformation" braucht der Islam nicht, im Gegenteil: der Salafismus, der nicht nur den Westen sondern vor allem die islamische Welt bedroht, ist einein ihrem Kern durchaus reformatorische Bewegung. Sie übernimmt zutiefst "protestantische" Elemente der Schriftauslegung und Ideenverbreitung. Aber ich bin Fragen schuldig geblieben:
Warum kommen dann keine so demokratischen und humanistischen Erfolge zustande wie nach der Reformation in Deutschland?
  1. Zunächst einfach, weil wir in unserer Erinnerung historische Zeitläufe verkürzen. Auch die Reformation in Deutschland führte in 30 Jahre kriegerische Barbarei, die es mit den Abscheulichkeiten in Irak und Syrien durchaus aufnehmen könnte. Übrigens war auch dieser Krieg geprägt von Einflüssen der Großmächte von außen, die zu einem faktischen Patt zwischen den Parteien führte.
    Ganz ähnliches ist in Syrien schon seit ein paar Jahren zu beobachten. Im Irak schreitet der Zerfall in sich gegenseitig bekriegende Religionsregionen und Stammesgebiete rasant voran. Afghanistan ist diesbezüglich schon eine fast unendliche Geschichte. Russland, Iran, die Golfstaaten, Ägypten, die USA und Europa mischen mit, oft nur um zu verhindern, dass eine Seite ganz untergeht.
    Vielleicht sind wir nur zu ungeduldig, und der humanistische, aufgeklärte Islam wird uns tatsächlich als Frucht dieser furchtbaren Konflikte geschenkt werden. Aber solange wird mit Religion Politk gemacht, und Krieg geführt. Da kann die Religion selber tatsächlich nichts dafür, sie wird einfach missbraucht, weil es um Gebiete, Gelände, Gebirge - und Öl geht.
    Aber es ist nicht nur eine Frage der historischen Geduld. Es hat auch etwas mit dem Inhalt zu tun. Islam ist nicht Christentum, der Koran nicht die Bibel, Mohammed ist nicht Jesus. Die reformatorischen Prinzip auf das Christentum angewendet bringt andere Ergebnisse als die selben Methoden beim Islam und dem Koran. 
  2. Das hat mit dem Offenbarungsverständnis zu tun. Denn das Christentum ist nur scheinbar eine Buchreligion. Tatsächlich gilt aber nicht die Bibel als Buch als Gottes letztgültige Mitteilung an den Menschen, sondern die Person Jesus Christus.
    Es ist eben kein Zufall, dass Luther neben das sola scriptura auch das sola gratia und das solus Christus stellte. Und dass er die Schrift nicht mechanisch angewandt wissen wollte, sondern von ihrer "Mitte" her, nämlich "was Christum treibet".
    Und da sich auch Paulus mit seiner Rechtfertigungslehre gegen den Wortlaut seiner Bibel (nämlich das Alte Testament) stellte, und dem Geist Gottes eine kritische Funktion in der Auslegung der Schrift zubilligte, ist das Prinzip einer in sich geschlossenen schriftlichen Offenbarung Gottes an entscheidenden Punkten perforiert.
    Im Islam dagegen ist der Koran allein die Offenbarung Gottes als Schrift. Es gibt keine kritische Instanz, die diesem Buch entgegen steht, die Hadithe als Berichte aus dem Leben des Propheten dürfen die koranischen Regeln ergänzen oder illustrieren - aber nicht als solche hinterfragen.
    Der Koran in seinem gesamten Buchstabenbestand ist damit sakrosankt. Das leistet den Salafisten Vorschub, die viel Zeit darauf verwenden, die ihnen genehmen Suren und Zitate aus dem Koran auswendig zu lernen, und damit jede innermuslimische Kritik zum Schweigen zu bringen. Denn niemand will Gott widersprechen.
  3. Die Bibel ist auch von ihrem Selbstverständnis kein monolithischer Block aus einer einzigen Offenbarung ist. Eine Vielzahl von Zeugen mit unterschiedlichen Stimmen kommen zu Wort, es existieren die unterschiedlichsten Übersetzungen, nicht einmal in der Zusammenstellung und Reihenfolge der Bücher ist man sich einig.
    Das sieht im Islam anders aus. Der Koran ist alles, sie ist einzige, in sich geschlossene, schriftliche Offenbarung Gottes. Sie stammt von einem einzigen allein inspirierten Propheten. Damit scheint eine Relativierung ausgeschlossen. Hier ist bewusst nicht von historisch-kritischer Auslegung die Rede, die grundsätzlich alles relativert, denn sowohl Luther als auch die Salafisten denken und argumentieren vorkritisch.
    Natürlich gibt es auch Widersprüche im Koran, so monolithisch, wie die Salafisten ihn gern hätten, ist diese Schrift ganz und gar nicht. Aber die Methoden damit umzugehen sind kompliziert und schließen gerade nicht den Missbrauch problematischer Passagen aus. Damit gewinnen hemdsärmelige Verfahren, einfach die jüngeren Aussagen aus Medina den älteren aus Mekka vorzuziehen (Abrogation) Plausibilität - und das spielt den Islamisten in die Hände.
  4. Die Person des Offenbarers könnte unterschiedlicher nicht sein. Während das Christentum (durchaus gemäß seines jüdischen Erbes) eine Loser-Religion ist, dessen Stifter elendig ab Kreuz ermordet wurde, ist der Islam die Religion eines Siegers. Während die Christen in ihrer Gründungszeit als verschwindende Minderheit ein durch Verfolgung bedrohtes Dasein fristeten, konnte der Islam schon unter Mohammed selbst die Herrschaft über bedeutende Städte erringen.
    Den Vorwurf der "Sklavenmoral" (Nietzsche zu Judentum und Christentum) kann man dem Islam folglich nicht machen, aber seine in Mohammeds Erfolgen begründete Überzeugung, dass seine Anhänger von Gott zum herrschen berufen seien, birgt in diesen Tagen, in denen andere die Geschicke der Welt und auch des Nahen Ostens kontrollieren, ein gefährliches Frustrationspotenzial.
    Diese Frustration, eigentlich ein zur (Welt)Herrschaft berufenes und begabtes Volk zu sein, und sich dann aber am falschen Ende der globalen Hackordnung wiederzufinden, ist ein Faktor der die Entstehung und populären Verbreitung von Verschwörungstheorien erheblich begünsigt. Damit wächst dann auch der Wunsch, sich gegen diese vermeintliche Unterdrückung gewaltsam zu wehren. Man kann an die Weimarer Republik, aber auch das Russland dieser Tage denken.
    Aber eben auch an die arabische Welt. Das Ausmaß, in dem im Orient Verschwörungstheorien grassieren, ist unbeschreiblich. Es ist bezeichnend, dass Kongresse mit Holocaustleugnern im Iran stattfinden, dass ein großer Teil der Araber zu wissen meint, dass die Attentate vom 11.9. vom CIA oder Mossad durchgeführt wurden (bei gleichzeitiger Verehrung Osama bin Ladens, wofür eigentlich?). Selbst die Protokolle der Weisen von Zion können dort noch reüssieren.
  5. Der Selbstanspruch des Islam einer gerechten Ordnung. Gerade weil Mohammed die Gelegenheit hatte tatsächlich Politik zu machen, und wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Richtlinien zu erlassen und durchzusetzen, gerade deshalb kann man große Teile des Korans (und auch der Hadithe) als Blaupause eines "islamischen Staates" begreifen.
    Das Christentum ist in diese Verlegenheit erst Jahrhunderte nach seiner Entstehung geraten, da waren die Buchdeckel der Bibel faktisch schon geschlossen. Was dann folgte war zwar alles andere als ein Reich der Liebe, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit (und das Versagen der christlichen Kaiser, mit Andersgläubigen oder auch nur anderen Christen tolerant umzugehen bereitete den Boden für die islamische Expansion), aber: die Bibel selbst zeigte sich immer als ein herrschaftskritisches Element.
    Im Islam fällt auf, dass viele Gelehrte, die versuchen, sich vom sog. "Islamischen Staat" zu distanzieren, gerade nicht den Anspruch aufgeben, dass der Koran und die Hadithe einen wirklich gerechten und islamischen Staat schildern, wie er auch heute noch für alle Muslime die beste aller Welten wäre. Sondern nur, dass der IS Koran und Hadithe nicht richtig befolge, der Kalif nicht legitim sei usw.
    Das macht uns Christen dann doch unruhig: Denn so sehr damals von Mohammed ein zum Teil revolutionär fortschrittlicher Impuls ausging - was vor 1400 Jahren eine Ordnung von morgen war, ist heute einfach von vorgestern. Doch in den wesentlichen islamischen Rechtsschulen wird eben nicht versucht, den fortschrittlichen Impuls weiterzuführen und auch heute noch alle anderen an Humanität, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zu übertreffen - sondern mit mehr oder minder halbherzigen Abstrichen die koranischen Ordnungen zu restaurieren, was unter heutigen Bedingungen nur einen brutalen Rückschritt bedeuten kann.



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