Montag, November 10, 2014

MH-17: Neue Beweise und ein verschwundener Zeuge

Die Niederlande trauern. Heute gedenken sie der Absturzopfer des Fluges MH-17, der jäh in der Luft zerrissen wurde. 298 Menschen sterben, und die Ursache gilt offiziell als "unklar". 

Das ist allerdings nicht die ganze Wahrheit. Die offizielle Untersuchung hat Zwischenergebnisse geliefert, nach denen das Flugzeug von einer Vielzahl von kleinen Objekten hoher Geschwindigkeit zerfetzt wurde. Mit anderen Worten: Schrapnell.

Behauptungen pro-russischer Ideologen, das Flugzeug sei von ukrainischen Abfangjägern vom Himmel geholt worden, sind damit Geschichte. Denn weder eine Bordkanone, noch eine Luft-Luft-Rakete produzieren Schrapnell.

Das BUK System (copyright cc-by-sa 3.0 Vitaly Kuzmin)

 Es gibt eine Waffe, die durch einen Explosivsprengkopf mit Schrapnell Flugzeuge in einer Höhe von 10km abschießen kann. Die Boden Luft Rakete vom Typ BUK. Und es ist auch bekannt, dass sowohl die Ukraine als auch die russische Föderation über diese Waffe verfügen. Genaugenommen gibt es derzeit keine wirklich ernsthaft diskutierte Alternative.

Daher ist auch der Täterkreis leicht einzugrenzen: Es kommen eigentlich nur prorussische Rebellen oder russische Truppen auf Rebellengebiet in Frage. Denn der Ort des Abschusses liegt in Rebellengebiet, nach der Grenze zu Russland (MH-17 wurde schon von den Fluglotsen in Rostov am Don übernommen).

Dazu muss man wissen, dass man eine Luftabwehrrakete nicht "hinter dem Ziel her" schießen kann. Nicht in dieser großen Höhe. Wenn die Rakete 10.000 Meter Flughöhe erreichen soll (auf diesem Niveau bewegte sich MH-17), braucht sie gegen zur Überwindung der Schwerkraft und für die schiere Strecke (sie fliegt ja nicht senkrecht) jede Menge Treibstoff. Der Trefferzeitpunkt muss also genau berechnet sein (deshalb sind die BUK Raketen so groß und das System so komplex).

Hinter einer mit ca 900 km/h fliegenden Boeing herzufliegen würde diesen Zeitpunkt verzögern und die zu fliegende Strecke verlängern - die Rakete erlebt einen klassischen BurnOut und trifft nicht. Von daher ist es zwingend anzunehmen, dass der Ort, von dem aus die BUK gestartet ist, östlich vom Absturzort zu suchen ist, keineswegs westlich.

Und im Zeitalter von Smartphones finden sich Fotos, Videoschnipsel und Augenzeugenberichte von so auffällige Truppenbewegungen wie dem eindrucksvollen BUK System schnell im Internet. Das Team von bellingcat um den umtriebigen Elliot Higgins hat unzählige Stunden mühevoller Recherchearbeit investiert, diese Bilder zu finden und exakt zu lokalisieren und auf eine Zeitschiene zu bringen.

Das Logo von bellingcat. Recherchearbeit findet nicht mehr vor Ort, sondern im Netz statt.

Das Ergebnis ist sehr überzeugend. Es hat ein  BUK-System der Rebellen in unmittelbarer Nähe des Absturzortes gegeben, es konnte sein Weg von einer Basis in Kursk in Russland bis nach Shizne in der Ostukraine rekonstruiert werden, wo es drei Stunden vor dem Abschuss entladen und in Position gebracht wurde, genauso wie die Rückkehr des Systems mit einer fehlenden Rakete nach Luhansk. So etwas nennt man eigentlich eine "smoking gun" - einen handfesten Beweis: Die Waffe wurde in der Hand des Täters am Tatort zum Tatzeitpunkt gesehen. Noch Fragen?

Die Behauptung des BND, es habe sich wohl eher um ein gestohlenes ukrainisches System gehandelt ist damit wahrscheinlich widerlegt, zumal die Nachrichtendienste ihre Quellen naturgemäß nicht offenlegen können. Es macht allerdings nur einen feinen Unterschied aus, denn es bleibt sehr unwahrscheinlich, dass die Rebellen ohne russische Unterstützung ein solches System effektiv betreiben können.

Am plausibelsten ist eine Kooperation, wobei der Fehler, ein Passagierflugzeug abzuschießen, schon auf mangelnde Professionalität im Umgang mit dem System schließen lässt - also womöglich schlampig angelernte Rebellen den roten Knopf gedrückt haben. Auch wenn solche Fehler auch Profis passieren können.

Zumindest in ersten Äußerungen haben die Rebellen den Abschuss für sich reklamiert, allerdings in der Annahme, ein Transportflugzeug der ukrainischen Armee abgeschossen zu haben. Es ist an dieser Stelle anzumerken, dass der Kronzeuge in dieser Sache, Igor Bezler, seit dem 31.10.2014 verschwunden ist.
Es ist genau der Igor Bezler, der den Abschuss eine Feindflugzeuges triumphal verkündet hatte, bevor die Nachrichten schnell wieder gelöscht wurden, und er selbst behauptete, er habe sich auf einen früheren Erfolg bezogen. Man munkelte über eine Rückkehr nach Moskau, einen Urlaub auf der Krim, mittlerweile kursieren Gerüchte er sei von russischen Spezialeinheiten "neutralisiert" worden.

Das allerdings wäre eine weitere Ungeheuerlichkeit in diesem ohnehin beispiellosen Vorgang. Natürlich können Unstimmigkeiten in der Kommandostruktur zu seiner Abberufung geführt haben, so ist es ja auch Girkin aka Strelkow gegangen. aber der lebt noch. Wenn Bezler wirklich ermordet wurde, dann womöglich weil er im Streit gedroht hat, sein Wissen über den Abschuss von MH-17 preiszugeben.

Zunächst bleibt der wichtigste Zeuge verschwunden. Belastend ist dies abermals für die Seite, die für sein Geschick die Verantwortung trägt, die prorussischen Rebellen und die Russische Föderation. Es ist aber nach wie vor keinerlei Übernahme von Verantwortung von dort zu erwarten, nicht einmal die Kooperation bei Sicherung von Beweisen, Bergung von Wrackteilen, Rückführung der Opfer entspricht zivilisatorischen Standards.

Doch der Umgang des angeblich so starken und selbstbewussten Westens mit diesem Verhalten ist weiterhin von Unentschlossenheit, ja Hilflosigkeit geprägt. Das ist bei aller Trauer zunehmend unverständlich.

Heidelbaer



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