Dienstag, Dezember 02, 2014

Ist Putin pleite?

Nein, ist er nicht, behauptet Benjamin Bidder hier. Und hat gute Argumente: Russland hat immer noch gewaltige Devisenreserven (400 Mrd $), damit kann es selbst alle Verbindlichkeiten, die bei Banken oder Staatsunternehmen auflaufen (130 Mrd $) bar bezahlen und hat noch etwas übrig.

Dazu ist die Schuldenquote so niedrig, dass Japan und die USA nur davon träumen könnten. Dreizehn Prozent des BIP, das ist lächerlich (Japan 243%, USA 105%, Quelle: Wikipedia). Es ist damit solider aufgestellt als Norwegen oder China.

Und schließlich: Der Staatshaushalt wird in Rubel gerechnet, und weil die russische Währung beinahe synchron mit dem Ölpreis in die Tiefe rutscht, gleicht sich beides auf wundersame Weise aus, ja es scheint sogar eine Überkompensation stattzufinden: Die Öleinnahmen in Rubel steigen! Der Haushalt ist ausgeglichen, nirgendwo ein Bankrott in Sicht.

Dies wird auch von russischer Seite immer wieder mit breitem Lächeln betont. Ein Staatsbankrott ist praktisch ausgeschlossen.

Langsam: Zwei Katastrophen, der Preisverfall beim einzigen und wichtigsten Devisenbringer der Russischen Föderation und der totale Absturz der eigenen Währung gleichen sich aus, und alles ist gut? Da ist doch irgendetwas faul, denkt man unwillkürlich.

Das Problem liegt in der fehlenden Autarkie Russlands. Tatsächlich ist Russland mit seinem breitgefächerten Rohstoffsortiment aus eigenen Quellen weit unabhängiger von Importen als zum Beispiel Deutschland. Aber in der Produktion hapert es. Putin behauptet: was die Welt uns nicht liefert, bauen wir eben selber. Aber das ist das Pfeifen im Walde.

Er braucht Investitionen: die bekommt er nicht, wenn damit in Russland nur Spielgeld zu verdienen ist. Er braucht Innovationen: die bekommt er nicht, wenn unabhängiges Unternehmertum ein lebensgefährliches Unterfangen ist. Und er braucht Investitionsgüter, die aber kosten Devisen, und die hat er nicht (in so großem Maße).

Eine scharfe Rezession sei nicht zu erwarten, zitiert Bidder den Analysten Weafer, muss aber einräumen, dass sich das letztlich auf eine korrupte staatliche Scheinökonomie bezieht, in der Staatsunternehmen staatlich alimentierten Bürgern staatssubventionierter Produkte verkaufen.

Denn sonst gäbe es eine brutale Inflation, die alle staatlichen Rubelrenten, Löhne und Gehälter pulverisieren könnte. Und das betrifft gefährlicherweise auch den Lebensmittelsektor. Russland ist mittlerweile kein Getreideexporteur mehr, sondern muss importieren. Für Lebensmittel wie Molkereiprodukte oder Fleisch gilt das in noch höherem Maße.

Russland gilt als einer der größten Agrarimporteure der Welt. Allein das Gerücht, es könnte eine Missernte beim Buchweizen gegeben haben, verdoppelte über Nacht die Preise. Hier droht die Gefahr für Putin: Wenn er sein 144 Millionenvolk nicht mehr satt bekommt, dann wird es ernst. Im Gegensatz zum Öl steigt der Weizenpreis seit September an.

Vielleicht droht nicht direkt der Staatsbankrott, keine Rezession. Aber Hunger ist schlimmer. Für die Menschen, aber damit auch für die politische Zukunft von Putin.

Heidelbaer

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