Sonntag, Dezember 21, 2014

Kinder, der Sozialismus ist längst da! (Teil 1)

Nein, nicht was Sie jetzt denken. Die Produktionsmittel, die Betriebe und Maschinen, die Aktien und Optionsscheine, die Banken und Hedgefonds, sie sind alle noch da, und fest in privater Hand. Sie haben keine Revolution verpasst, nicht einmal in Thüringen.

Aber ich habe mal gelernt: Unser System gliedert sich in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Und im letzteren Teil hat sich eine schleichende Verstaatlichung durchgesetzt, die mit dem Begriff Gesellschaftlicher Sozialismus wohl am treffendsten beschrieben wäre. Ein Blick auf die Statistik zeigt: Der Westen Deutschlands passt sich bei der Kinderererziehung dem Konzept der Vollbetreuung durch den Staat an.

Selbst in konservativen Ländern wie Bayern hat sich die Zahl der staatlich betreuten Kleinkinder von 0-3 Jahren von 2006-2014 fast vervierfacht. In anderen Westländern sieht es vergleichbar aus. Die Betreuungsquote in Westländern ist auf über 25% gestiegen, im Osten liegt sie über 50%, der Bundesschnitt ist dann bei knapp 33%. Es ist nur eine Frage der Zeit bis auch die Westländer aufgeholt haben.

Quelle: destatis
Die Betreuungsquoten bei Kindern im eigentlichen Kindergartenalter (also 3-5) erreicht bundesweit über 90% deshalb ist ein Blick auf die Ganztagsbetreuung zu werfen, also einer Kinderbetreuung bis 17:00 Uhr. Bei den Kleinen sind ist eine Zunahme von unglaublichen 20% in den letzten drei (!) Jahren zu verzeichnen, bei den Kindergartenkindern immerhin noch über 6%.

Das gilt als bei Familienpolitkern als Erfolg: Ein Erfolg des Feminismus, der Gleichberechtigung, der Vereinbarkeit von Beruf und Kindern. Finanzielle staatliche Anreize, die Erziehung der Kinder selbst zu übernehmen, werden als Herdprämie verspottet und als Relikt katholisch-bayerischen Patriarchats abgelehnt.

Gleichzeitig kursiert der spöttische Begriff der "Helikopter-Eltern", jene Spezies besorgter Erziehungsberechtigter, meistens natürlich sind die Mütter im Blick, die um ihren Sprössling kreisen, und ihn mit Essen, Spaß, Schutz und guten Ratschlägen versorgen wollen, und dabei die Arbeit der Erziehungsprofis in KiTa und Schule fast unmöglich machen.

Philippika behauptet: Beides hat miteinander zu tun, und es wäre Zeit eine Lanze für die Elternbefreiung zu brechen. Versuchen Sie mal ehrlich auf zwei Fragen zu antworten:
  1. Sind sie für Wahlfreiheit der Eltern, ob sie Kinderbetreuung vom Staat in Anspruch nehmen wollen oder selber ihre Kinder großziehen wollen?
  2. Sind sie für eine totale Vertstaatlichung der Erziehung unserer Kinder vom Krabbelalter bis zum Abschluss der Hochschulreife oder Berufsausbildung?
Eigentlich müsste jeder halbwegs liberale Mensch die erste Frage mit Ja, die zweite mit Nein beantworten. Tatsächlich aber wird die Wahlfreiheit zunehmend eingeschränkt und die Verstaatlichung setzt sich ungebremst durch. Das ist Sozialismus. Und Sozialismus ist nicht immer menschenfreundlich, aber das muss ich erklären.

Stellen Sie sich das vor: Sie haben ein Kind. Ein echtes, keine Baby Born, kein Tamagochi, nicht mal einen Hund oder eine Katze. Sondern ein Kind aus Fleisch und Blut, unter viehischen Schmerzen geboren und es lächelt Sie an. Ihr Kind. Sie können noch so aufgeklärt, feministisch, intellektuell oder sonst etwas sein: Was sie als Mutter und auch als Vater von diesen Zeitpunkt an wollen ist: Das Kind versorgen, vor Unheil schützen, im Großwerden begleiten.

Doch leider geht es nicht. Die Sachzwänge kommen: Man hat für die neue Familie ein Haus gebaut ein größeres Auto gekauft (wie haben die das früher gemacht mit Kadett, heute ist der T5 doch Standard), und ein komplettes Kinderzimmer in giftfreiem Ökomassivholz eingerichtet. Sie haben Schulden. Sie müssen arbeiten. Beide.

Außerdem ist da noch die soziale Komponente. Also nicht Armut oder so, sondern das soziale Umfeld: Wie stünden Sie denn vor Freundinnen, Kolleginnen, den Chefs und der Öffentlichkeit da, wenn Sie sagen würden: Ich bleibe zuhause? Womöglich sogar als Vater, als Mann.

Aber, Männer: keine Sorge, Ihre Frau/Freundin, jedenfalls die Mutter des Kindes traut es Ihnen aus unerklärlichen sexistischen Regungen die irgendwie mit dem Milcheinschuss zu tun haben, ohnehin nicht zu, wirklich gut, also wie eine Mutter für das Kind zu sorgen. Vergessen Sie es besser gleich. Denn neben den oben genannten Personengruppen ist diese Opposition für Ihr Vorhaben definitiv zu stark. Selbst für einen Mann zu stark, wirklich.

Dazu kommt, soziales Umfeld, die Zweite: Es gibt keine Mütter (schon gar nicht Väter) mit kleinen Kindern zuhause in Ihrer Nachbarschaft. Die sind gefühlt ALLE in der KiTa. Und ehrlich, bei aller Liebe zum eigenen Nachwuchs, es den ganzen Tag allein mit einem Kleinkind zu verbringen, das ist mal am Wochenende schön, aber sieben Tage die Woche? Das Gefühl, an einem Werktag Morgen allein mit dem Kind auf dem Spielplatz zu sein, ist so ungefähr die Essenz von "Ich bin irgendwie falsch hier".

Kleine Seitenbemerkung des Pastors in mir:  Es gibt auch keine Jungmütterkreise mehr. Also vereinzelt schon noch, die haben vergessen ihren Namen zu ändern und sind alle über 60. Für uns Kirchengemeinden ist das eine neue Situation. Es gab immer unzählige Gemeindeaufbaukonzepte, und eins, das funktionierte: Gründe einen Kreis für junge Mütter. Die sind zuhause, denen fällt die Decke auf den Kopf, die brauchen Gemeinschaft, Austausch und auch mal andere Themen als Windeln, Fläschchen und Zahnprobleme. Das konnte Kirche bieten, und schon hattest du Leben im Gemeindehaus.

Machen Sie sich mal den Spaß und fragen in Ihrer Kirchengemeinde, wie die ganzen Eine Welt Läden, Bastelkreise, Frauenkreise und dergleichen mal angefangen haben: Als Jungmütterkreis. Dieses Format ging immer. Und es ist vorbei, es funktioniert nicht mehr, kein Jungmütterkreis, keine Krabbelgruppe. Die Mütter sind auf Arbeit, die Kinder in der Einrichtung, wie das so schön heißt. Mit dem Thema sind wir durch, endgültig.

Es ist grundsätzlich zu fragen, ob das eine gute Entwicklung ist. Ich vermutete schon, dass das Phänomen der Helikopter-Eltern eine direkte Folge ist. Das ganze Sorgen-Wollen der Eltern wird unterdrückt, komprimiert auf vielleicht eine Stunde morgens und dann die Zeit nach 17:00 Uhr. Da sind die Kinder nach 8 Stunden KiTa aber völlig fertig. Da geht nichts mehr. Entsprechend dreht der Elterntrieb hohl und Mutter oder Vater durch.

Das unterdrückte Bedürfnis, für die eigenen Kinder sorgen zu wollen treibt noch manch andere Blüten, ob das Kleidung, Essen, Schulweg, Sport, Musik und sonstiges der Kleinen angeht: Es artet alles in Stress aus. Die Schlafenszeiten dagegen werden kürzer, wegen der Arbeit und der Einrichtung müssen alle früh raus, wenn aber Mama und Papa noch was von den Kleinen haben wollen wird es abends spät.

Ich betone diesen Aspekt des "Kindesentzuges" der Eltern so sehr, weil in der Öffentlichkeit immer das Recht auf Arbeit - aber wenig das Recht auf das eigene Kind betont wird. Dabei ist es ein Menschenrecht wie jedes andere auch. Aber es einzufordern ist im derzeitigen Umfeld ähnlich schwierig wie für eine salafistische Kopftuchträgerin ihr Recht auf Religionsfreiheit zu reklamieren.

Heidelbaer

Teil 2 beschäftigt sich mit der Frage: Was bedeutet das für die Kinder? (in Kürze)

Teil 3 soll dann klären: Was bedeutet das für die Einrichtungen? (in Bälde)


1 Kommentar:

Lydia hat gesagt…

Komisch, ich habe die erste Frage für mich mit nein beantwortet und die zweite mit ja. Das kann aber daran liegen, dass ich in der heutigen Zeit mit pietistischen Protesten gegen Sexualkunde und der fortschreitenden Gentrifizierung und Fremdenfeindlichkeit des selbsternannten "Bildungsbürgertums" vielen Eltern nicht mehr zutraue, ihre Kinder zu weltoffenen und vor allem RÜCKSICHTSVOLLEN Menschen zu erziehen. Wenn man sich mal die hysterische Reaktion einiger Eltern ansieht, weil ihre hochbegabten Charlottes und Ludwigs sich ihre Schulbank mit einem Morbus-Down-Kind teilen sollen, dann wundert man sich nicht, wenn diese Kinder später mal nicht teilen wollen und auch nicht können. In den 60er Jahren wurden die Kinder körperlich misshandelt, heute werden sie von ihren Eltern aufgehetzt gegen Migranten, Unterschichtler und Homosexuelle. Oder umgekehrt: In Migrantenfamilien werden die Kinder zuhause gelassen und können die deutsche Sprache schlimmstenfalls erst dann üben, wenn es zu spät ist, in der Grundschule nämlich. Diese ganze Debatte über "staatliche" Kinderbetreuung ist doch nichts anderes als das Luxusproblem der Besserverdienenden. Die, die es sich leisten können, werden ihre Kinder auch weiterhin zuhause lassen (und dann eben von dort mit viel zu vielen Aktivitäten unter Druck setzen!). Übrig bleiben mal wieder die Kinder aus ärmeren Familien: von alleinerziehenden Müttern, von jungen Eltern, die vielleicht noch in der Ausbildung stecken, und von den vielen, vielen Paaren, die es wagen, ein Kind zu bekommen, obwohl sie wissen, dass ein einziges Gehalt nicht ausreicht. Es ist doch bewiesen, dass das Betreuungsgeld inThüringen hauptsächlich negative Effekte hat und so wird es auch im Rest vom Land kommen. (Stattdessen: Deutschpflicht für Migranten.) Wir können es uns in unserer heutigen Gesellschaft einfach nicht mehr leisten, dass jeder sein eigenes Süppchen kocht. Diese Art von Abschottung schadet ALLEN. Man braucht immer noch ein Dorf, um ein Kind zu erziehen, und das ist einfach nicht möglich, wenn sich einige auf solche Weise der Gesellschaft entziehen.