Donnerstag, Dezember 25, 2014

Weihnachtspredigt: Der Wirt vom Goldenen Stern

Herzlich willkommen im Goldenen Stern in Bethlehem. Ja, wir sind nur eine kleine Herberge, kein Grandhotel in der City, sondern eher so der Familienbetrieb am Rande, freundlich, höflich, sauber, persönlich eben. Man kennt uns, und dadurch brauchen wir auch nicht groß Werbung machen. Meine Frau kocht, immer frisch, immer regional.
Gästebetten haben wir auch ein paar, und für kleinere Gesellschaften reicht es auch zwischendurch.
Aber auf das, was diese Nacht kam, waren wir nicht vorbereitet. Alles fing an mit dieser wahnwitzigen Idee des römischen Kaisers, eine Volkszählung durchzuführen.
Abgesehen davon, dass er das sowieso nur auf unsere Steuern abgesehen hatte, verursachte die Durchführung ein Chaos sondergleichen. Irgendwie wurde in unserem jüdischen Land, seine Aufforderung, jeder gehe bitte dahin wo er hingehöre und herkomme, so interpretiert, dass sie alle in die Dörfer und Städte ihres Stammesvaters pilgerten.
Und jetzt kommt's: wir wohnen in Bethlehem. Das ist keine große Stadt. Aber es ist die Stadt Davids. Daher ja auch der Name unserer Wirtschaft: Goldener Stern, der Stern Davids. Aber das Problem ist: Fast jeder dritte Jude, der etwas auf sich hält, leitet seine Stammesherkunft irgendwie vom Stamm Juda und vom König David ab. Ich glaube es gibt auch Leute in Jerusalem, die erstellen dir einen David Stammbaum für Geld.
Und jetzt ratet mal, was mit unserem Bethlehem geschah: Alle, die sich zum Hause und Geschlechte Davids zugehörig fühlten, fielen in unsere Stadt ein.
Es waren nicht zehn. Es waren nicht Hunderte. Es waren Tausende.
Aus allen Ecken des Landes: Jerusalemer Stadtprominenz, Leute von der Küste, Familien aus dem Süden bis nach Beerscheba. Und zum Schluss dann noch die Galiläer.
Jeder ein Sohn Davids.
Jeder ein kleiner König.
Ich möchte eins klarstellen: Ich habe nichts gegen Fremde. Sonst wäre ich ja auch ein schlechter Gastwirt. Ich habe auch nichts gegen Galiläer, auch wenn die wirklich eigenartig sind mit ihrer komischen Sprache und ihren Gebräuchen.
Aber es gibt einen Zeitpunkt, da ist zu viel eben zu viel. Da ist das Boot einfach voll.
Wir hatten sowieso schon alles ausgebucht, dann jedes Zimmer überbelegt, dann den Gesellschaftsraum zum Matratzenlager umfunktioniert, schlussendlich schliefen im Schankraum schon Leute auf den Bänken.
Es war laut, es weinten Kinder, es schimpften die Weiber und es schnarchten Greise. Und die Luft war kaum noch zum Atmen.
Und immer wieder klopfte, hämmerte, polterte es an der Tür: ich bin ein Sohn Davids, ein echter Bethlehemit, lasst mich rein!
WIR SIND DIE BETHLEHEMITER brüllte ich zurück aus dem Fenster, ihr sollt euch zum Teufel scheren, der ist viel eher euer Vater als unser König David!
Ja ich war sauer, stinksauer.
Auf den Kaiser, der einfach so Gebote erlässt und uns hier vor Ort mit den ganzen Problemen alleinlässt.
Hat er denn für Bethlehem eine Wasserversorgung gebaut? Natürlich nicht. Für Jerusalem, ja, dafür natürlich. Und Caesarea, schön an der Küste, das den Namen seines Vaters trägt, die haben das auch.
Die haben das frische Wasser, wir haben die Jauche, so sieht es aus im Römischen Reich. Aber wehe du sagst etwas, dann giltst du als Aufrührer, als Wutbürger oder Staatsfeind, und dann kreuzigen sie dich ohne jeden Prozess.
Nackt ans Holz nageln sie dich, und alle können zugucken, wie du qualvoll verendest. Es ist widerlich.
Ich hasse die Römer.
Aber gegen die kann ich nichts tun, also hasse ich diese ganzen Menschen, die sie mir in meine Stadt schicken. In meine Herberge, in meine Zimmer und Räume.
Ich hasse sie alle.
Die Jerusalemer, die Cäsaräaner, die aus Beersheba und auch diese stinkenden Galiläer. Alle, ich hasse sie alle.
Moment.
Klopft es da schon wieder?
Um diese Zeit?
Hört das denn gar nicht auf?
Doch, es ist ein Klopfen. Nicht so herrisch und ungeduldig wie von den anderen Davidssöhnen bisher.
Eher zaghaft.
Fast hilflos,
verzweifelt.
Aber es klopft.
Ich gehe an die Tür.
Versuche dabei nicht einem schlafenden Kind auf die Hand zu treten, oder über ein Bein zu stolpern.
Ich bin mittlerweile auch zu müde zum Schimpfen.
Ich mache die Tür einen Spalt auf.
Ich weiß nicht wessen Augen müder waren, meine oder seine.
Wir sehen uns an.
Ich habe... fange ich an
Er nickt: Kein Platz sagt er, sein Blick hat durch den Spalt hindurch die Lage in meinem Haus erfasst.
Eigentlich müsste er sich abwenden, und weitersuchen, aber er kann nicht mehr.
Dann sehe ich die Frau.
Junges Ding.
Hochschwanger.
Euer erstes Kind?
Er nickt.
Ist nicht mehr lang, was?
Er blickt sich nach der Frau um. Als er mich wieder ansieht, sehe ich die Verzweiflung in seinen Augen.
Du meinst... heute?
Mein Mund wird trocken.
Wenn es irgendetwas gibt, was in meiner Herberge jetzt definitiv das Chaos in eine Katastrophe verwandeln kann, dann die Geburt eines Kindes.
Die Schreie einer Erstgebärenden, der Schleim, das Blut, nein, nein, nein. Dafür war definitiv kein Platz bei mir.
Aber wir haben uns angesehen.
Der Fremde und ich.
Wir sind uns mit unseren müden Blicken begegnet, und wir haben uns beide verstanden.
Obwohl er seinem Dialekt nach auch so ein Galiläer war. Bestimmt ein Sohn Davids. Ob er sein letztes Geld für einen Stammbaum in Jerusalem ausgegeben hat?
Lächerlich.
Aber jetzt ist es egal: Mit diesem Blick haben wir uns vertraut gemacht.
Ich konnte ihn nicht einfach gehen lassen, mit dieser Frau und ihren Schmerzen, ihrer Angst, ihrer Hoffnung.
Nehmt ihr auch den Stall?
Er nickt wieder nur.
Ich nehme die Lampe vom Haken.
Wir gehen raus.
Auf den Straßen ist nichts mehr los, irgendwie scheint ja doch jeder noch irgendwo untergekommen zu sein.
Hier und da kauern Einzelne in Hauseingängen aber vielleicht konnten die sich auch keinen anderen Schlafplatz leisten.
Ich versuche nicht hinzusehen.
Der Mann neben mir schweigt.
Achtet auf seine Frau, den Esel, das Gepäck den Weg.
- Wie heißt du eigentlich.
- Ach, ja, habe ich noch gar nicht gesagt. Joseph, heiße ich, und das ist Maria.
  Unser Kind soll Jesus heißen.
- Und wenn es ein Mädchen wird?
Joseph guckt mich verständnislos an.
Die Frau meldet sich: Ich weiß dass es ein Junge wird. Ich habe einen Engel gesehen. Sie brauchen das nicht zu glauben, aber unser Kind wird Jesus heißen, ein Sohn Davids, ganz sicher.
Ich beschließe, dazu lieber nichts zu sagen.
Den Stall hätte ich auch mal aufräumen sollen, aber man kommt ja zu nichts in diesen Tagen. Ein bisschen schäme ich mich für den Dreck und die Unordnung.
Aber Josef ist dankbar.Schnell hebt er seine junge Frau vom Esel, die gleich anfängt, Heu und Stroh zusammenzusammeln, um eine Art Lagerstatt zu haben.
Joseph bringt den Esel an die Krippe und füllt ihm Heu ein.
Ich zünde mit meiner Lampe die Stalllaterne an und sehe verwundert zu, wie selbstverständlich die jungen Leute sich in diesem Provisorium einrichten und zurecht finden.
Ich wende mich zum Gehen.
Doch Josef kommt noch einmal zu mir, ergreift erst beide Hände, dann umarmt er mich sogar.
Danke.
Sagt er in seinem galiläischen Akzent.
Danke für alles!
Und seine Frau: Gott segne Sie.
Verwirrt gehe ich nach Hause.
In meiner Gaststätte empfängt mich Lärm und Chaos. Ich schlichte einen Streit um Liegeplatz, zeige einer Alten den Weg zur Toilette und hebe einem Kind sein Spielzeug auf.
Ich gehe aufs Dach. Dort ist es ruhig, kühl und klar. Irgendwo über den Feldern von Bethlehem sehe ich eine Art Wetterleuchten.
Hoffentlich kommt kein Gewitter, aber die Luft fühlt sich nicht danach an.
Es ist auch kein Wölkchen am Himmel und die Sterne funkeln wie frisch poliert.
Ich wickele mich in eine Decke.
Dann muss ich eingeschlafen sein.
Ich wache auf, als wieder jemand an die Tür hämmert. Vom Dach aus frage ich, was denn nun noch los ist.
Es ist Matti, der Hirte für die Schafe meines Nachbarn. Er ist aufgeregt.
- Das ist doch dein Stall da draußen, wo du deinen Ochsen mästest, richtig?
- Ja, richtig, ich hab da Leute einquartiert, falls es das ist was du fragen willst.
- Der Heiland ist geboren sagt Matti.
  In deinem Stall.
  Es ist der Messias.
  Der Sohn Davids.
  Die Engel haben es auf unseren Feldern gesungen.
Matti ist völlig aus dem Häuschen.
Seine Begeisterung ist echt,
seine Worte meint er ernst.
Soll ich ihm glauben?
Ich gehe zu ihm runter.
Unterwegs sehe ich meine ganzen Galiläer, Jerusalemer und Wüstenbewohner mit anderen Augen.
Söhne und Töchter Davids.
Die alten Verheißungen, Gottes ewiger Bund mit seinem Volk. Seine Liebe zu seinen Kindern.
Wenn das alles wahr ist, wenn das heute Nacht alles wahr geworden ist.
Warum hassen wir uns dann?
Warum helfen wir uns so wenig?
Warum hören wir einander nicht zu?
Ich beschließe, Matti zu glauben. Ich glaube auch der Frau mit ihrer Engelgeschichte. Ich glaube wieder an Gott, und dass er es gut mit uns meint.
Und ich mache mich auf zum Stall, um das Kind zu sehen.

Amen

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