Montag, Januar 12, 2015

Abers Ende

Natürlich löst die Demonstration von Millionen in Paris gegen die abscheulichen Morde in der Redaktion von Charlie Hebdo und dem Koscher Supermarkt sowie der einzelnen Polizistin nicht ein einziges der großen Probleme, die in ihrer Natur komplex, global und vielschichtig sind. Auch die Vorwürfe der Heuchelei gegen einzelne Mitmarschierende sind mir zu billig.

Ich freue mich vielmehr, dass selbst Leute, deren Ablehnung der Karikaturisten, der Polizei oder der jüdischen Gemeinde, ja selbst der Pressefreiheit als solches bekannt waren, hier eindeutig Stellung bezogen: So nicht, hier ist eine Grenze überschritten, da stehen wir zusammen und sagen Nein.

Es ist ein Nein ohne Aber. Ein Nein, das gerade wegen der sehr bunten, teils schillernden Zusammensetzung dieser Demonstration von ihrem Kopf bis zu ihren Gliedern, kompromisslos ist, weil hier ein gemeinsamer Nenner gefunden wurde. Und diese Überwindung der vielen Abers, dieses Wiederfinden einer gemeinsamen zivilisatorischen Basis, das Ende vom Whataboutismus und dem Aufrechnen und Abwägen - das könnte der historische Durchbruch sein.

Er kündigte sich an. Da ist die Streitrede von Deniz Yücel, bekannt als einer der Köpfe der satirischen Hate-Poetry Veranstaltungen. Sie wurde - und das ist wirklich bemerkenswert - sowohl von der links-alternativen taz wie auch von der konservativ-liberalen Welt veröffentlicht. Letztere entschied sich, in der Überschrift "das verlogene, beschissene Aber" zu adressieren.

Dieses Aber wirft er den "Klemmrassisten von der AfD und Pegida" genauso vor, wie denjenigen Vertretern des muslimischen "Dauerbeleidigtseins" die ihren Absagen an den Terror durch dieses hinterher geschobene Aber ein Verständnis und am Ende doch eine Art Legitimation für die Gräueltaten hinterherschieben. Es gibt kein Aber, stellt Yücel fest. Und das ist neu, und es ist richtig.

Diese Sicht, dass es einen Punkt, eine Grenze gibt, an der sich das "Aber" Sagen verbietet, könnte ansteckend wirken. So formulierten 100 Osteuropa-Kenner einen Gegenaufruf zu dem Versuch von Prominenten, Russlands Sicht des Ukraine-Konfliktes um des lieben Friedens willen stärker zu berücksichtigen. Philippika hat diesen Versuch ebenfalls kritisch behandelt.

Der Tenor ist der selbe: Man kann eine militärische Invasion, so hybrid und verschleiert man sie auch durchführt, nicht mit einem verständnisheischenden Aber rechtfertigen. Es ist eine zivilisatorische Grenze überschritten, ein Herzstück europäischer Friedensordnung. Dass militärische Mittel nicht zum Verrücken von Grenzen eingesetzt werden dürfen, und das geschlossene Verträge zu halten sind, auch wenn man sich über sie ärgert.

Da spielt es einfach keine Rolle, ob man sich hier und da gekränkt übergangen, diskriminiert oder ausgegrenzt fühlte. Ob man nun zur muslimischen Minderheit gehört oder zu den europäischen Großmächten. Die Kalaschnikow aus dem Schrank zu holen und kriegerische Gewalt zu entfesseln sind ohne Wenn und Aber verboten.

Diese Kompromisslosigkeit macht Europa stark, eint einen sonst über viele Fragen zerstrittenen Kontinent. Sie ist nicht zu verwechseln mit undifferenzierter Angst oder denkbefreitem Rassismus. Nicht die Russen, nicht die Muslime sind Feinde Europas. Sondern diejenigen Menschen, die bewusst und willentlich Grenzen überschreiten, die unsere Zivilisation vor der Barbarei schützen Davon hatten  wir weiß Gott genug in unseren Ländern, in Deutschland an erster Stelle.

Im Gegenteil: Nur wer genau hinsieht, wer differenzieren kann, der lernt rote Linien zu markieren und sich nicht von wohlklingenden Argumenteketten, gefälschten Fakten und schiefen Vergleichen verwirren, sondern sagt ein Nein ohne Aber genau da, wo es auch hingehört.

Wie wird es weitergehen? Kann man diese Tugend des Neinsagens auch außereuropäisch anwenden? In komplexen Konflikten wie zwischen Israel und den Palästinensern, im Syrischen Bürgerkrieg oder in Nigeria? Und können wir aus dem Nein zur Unmenschlichkeit doch ein Ja zu Menschlichkeit machen?

Denn ja, Europa soll ein Zuhause sein für Menschen verschiedener Kulturen und Religionen. Es soll ihr Leben und ihre Würde schützen. Ihnen Freiheit gewähren, die immer auch die Freiheit des Anderen ist. Für dieses Ja muss man auch Nein sagen können, ohne Wenn und Aber.

Heidelbaer

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