Donnerstag, Januar 15, 2015

#IchLeseLuegenpresse, weil...

...sie Morde aufdeckt, die sonst womöglich vertuscht worden wären.

Bislang gab es wenige Momente, die mein Vertrauen in den Rechtsstaat erschüttert haben. Verschwörungstheorien oder pauschale Verdächtigungen perlen an mir ab, weil ich es anders erlebe: In Politik, in den Medien, bei der Polizei arbeiten überwiegend Menschen wie du und ich, die einen ordentlichen Job machen, und denen dabei auch Fehler passieren können. Dann ständig böse Absichten unterstellt zu bekommen, eine womöglich geheime Agenda, eine niederträchtige Gesinnung - das ist öde, das ist billig und ja, das ist auch gemein und macht aufrechten Leuten ihre Arbeit und das Leben unnötig schwer.

Und dann das. Da wird am Morgen nach einer Pegida-Kundgebung ein farbiger Asylbewerber tot aufgefunden. Sofort widersprechen sich die Aussagen. Anwohner berichten von einer blutüberströmten Leiche, die Polizei schließt in einer ersten Stellungnahme Fremdverschulden aus. Es ist klar, wem ich zuerst glaube, nicht den durch die Pegida Demos verängstigten und vielleicht aufgebrachten Flüchtlingen, sondern den rechtschaffenen deutschen Beamten. Und ich liege falsch.

Nun geht es mir wie Sebastian Günther (den falschen Konjunktiv hat er mittlerweile korrigiert):


Vielleicht mache ich mir zu romantische Vorstellungen, weil ich zu viele Fernsehkrimis gesehen habe. Kann ja sein. Aber wenn ein Mensch tot im Innenhof liegt, und es ist ein junger Mann, dann vermute ich ja kaum, dass er an Altersschwäche gestorben ist. Außerdem muss in jedem Fall doch ein Arzt den Tod feststellen, selbst wenn er schon kalt ist, das ist in Deutschland nun mal die Regel. Dazu - man hat auch Fotos vom Fundort veröffentlicht - war ganz offensichtlich Blut zu sehen. Selbst wenn die Polizei jetzt von einem "offenen Schlüsselbeinbruch" als vermutete Todesursache redet, meint sie damit ernsthaft, ein junger Mann stolpert auf ebenem Gelände bricht sich das Schlüsselbein, und stirbt, ehe er Hilfe holen kann? Das ist doch absurd!

Es musste angesichts der Verletzungen von einem gewaltsamen Tod ausgegangen werden, Mord (Totschlag, Körperverletzung mit Todesfolge...) oder Selbstmord. Letzteres ist bei Asylbewerbern leider nicht auszuschließen, traumatische Fluchterfahrung, Angst vor Ausweisung oder erneuter Verfolgung durch Pegida-Anhänger kann einen jungen Mann in die Verzweiflung treiben. Aber ist er vom Dach oder einem hohen Stockwerk gesprungen? Passen die Verletzungen, seine Lage zu dieser Vermutung? Gibt es einen Abschiedsbrief, ein offenes Fenster, usw? Er kann aber genauso gut aus dem Fenster gestoßen worden sein, oder wurde im Innenhof verprügelt mit Baseballschlägern und ist dann verblutet. All das nur zum Thema "Schlüsselbeinfraktur".

Also erwarte ich bei so einer Annahme, dass der Tatort und die Leiche genau untersucht werden. Dafür gibt es die Obduktion und die Spurensicherung. Dass schon der Arzt vor Ort eine Stichverletzung nicht von einem offenen Bruch unterscheiden kann, und dazu auch noch Stiche im Brustbereich übersieht, dass die Spurensicherung erst 30 Stunden später eintrifft - das ist absolut jenseits meiner Vorstellungskraft. Völlig zu recht will der Grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck das jetzt im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens prüfen lassen, ob das eigentlich noch Schlamperei ist, oder schon Strafvereitelung durch Unterlassen. Er erstattete Anzeige gegen Unbekannt.

Damit sind die Erwartungen jetzt doppelt so hoch: Die Ermittler müssen den Tod von Khaled I. aufklären - und sie müssen ihr eigenes Versagen in der Anfangsphase der Ermittlungsarbeit erklären, womöglich dazu gerade stehen. Spätestens seit der kaum glaublichen Schlamperei bei den rassistischen Morden des NSU kann es nicht sein, dass deutsche Polizisten bei Mordopfern anderer Hautfarbe nicht ganz so genau hinsehen zu müssen meinen. Das verunsichert nicht nur, das macht richtig wütend.

Zum Schluss aber tatsächlich ein riesiges Dankeschön an die vielgescholtene Presse. Selbst Lokalmedien müssen sich permanent widerwärtiger Anfeindungen erwehren, zu denen das Unwort des Jahres 2014 "Lügenpresse" noch zu den harmloseren gehören. Doch diesmal war es die Dresdener Mopo24 mit ihrem Redakteur Sebastian Günther, die genau zum richtigen Zeitpunkt genau die richtigen Fragen gestellt haben. Die Dresdener können ihrer Zeitung dankbar sein, ich bin es jedenfalls.

Heidelbaer

P.S. Soweit ich lese, konzentrieren sich die Ermittlungen nun auf das Umfeld des Opfers, also seine ebenfalls geflüchteten Mitbewohner. Es waren aber genau die, die Presse, Facebook und Freunde auf einen gewaltsamen Tod von Khaled I. hingewiesen, und Ermittlungen gefordert haben. Meine kriminalistische Laienmeinung macht sie damit als Täter relativ unverdächtig. Andere Optionen, die ich partout nicht denken möchte, gewinnen dadurch an Plausibilität. Zum Glück ist die vielgescholtene "Lügenpresse" dran, das nährt meine Hoffnung auf eine Aufklärung, die diesen Namen verdient. Meine Gedanken und Gebete sind bei dem Opfer und seinen Angehörigen.



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